In 23 reichen Länder ist die Staatsverschuldung bedrohlich angestiegen. Der Internationale Währungsfonds warnt dennoch vor Überreaktionen an den Finanzmärkten. Kein Grund zur Panik an den Märkten, sagt der IWF: Händler an der Wall Street. Der Autor von TA-Online bringt einen wichtigen Aspekt der Verschuldung auf den Punkt.
Seit der Krise in Griechenland gehört die Angst vor Staatsbankrotten zum Standardrepertoire der Untergangspropheten. Für sie sind Hyperinflation und soziale Unruhen nur noch eine Frage der Zeit. Tatsächlich sind die Schulden der öffentlichen Hand in den meisten Industriestaaten massiv angestiegen. In Griechenland werden sie bis 2013 voraussichtlich 150 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) betragen. Andere Club-Med-Staaten wie Portugal und Italien, aber auch Irland geht es nur wenig besser. Das zeigen neue Studien des IWF. Selbst in Grossbritannien und den USA wird die Verschuldung langsam unheimlich: Bis 2015 wird sie 91, beziehungsweise 110 Prozent des BIP betragen.
Trotzdem warnt der IWF vor einer übertriebenen Angst. «Die Märkte überschätzen das Risiko eines Staatsbankrottes», sagt einer der Verfasser der Studie, Paulo Mauro. Er verweist dabei auf acht ähnliche Beispiele in den letzten 20 Jahren, wo es hochverschuldeten Staaten gelungen ist, ihre Staatsfinanzen ohne Umschuldung zu sanieren. Die Frage, wie viele Schulden ein Staat verkraften kann, ist nicht eindeutig zu beantworten. Japan, das am höchsten verschuldete Land der Welt, lebt seit Jahrzehnten mit seiner Schuldenlast. Es ist dabei nicht auf fremde Hilfe angewiesen, weil die Japaner ihre Schulden selbst mit ihren Spargeldern finanzieren. Und Japan lebt damit gar nicht so schlecht. Es ist zwar richtig, dass das Wachstum der Wirtschaft absolut gesehen seit Jahren bescheiden ist und das Land unter einer leichten Deflation leidet. Doch in Japan nimmt die Bevölkerung bereits ab. Rechnet man das Wirtschaftwachstum auf die entscheidende Grösse um, nämlich pro Erwerbstätigen, dann steht Japan in den letzten Jahren besser da als beispielsweise Deutschland und fast so gut wie die USA.
Die Staatsschulden der reichen Staaten werden noch zunehmen, denn es sind nicht die unmittelbar beschlossenen Konjunkturprogramme, die sie primär verursachen, sondern die Langzeitfolgen. Die beiden Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff haben in ihrem Buch «This Time is Different» die wichtigsten Wirtschaftskrisen und ihre Folgen untersucht. Sie kommen zum Ergebnis, dass nach einer Bankenkrise die Staatsverschuldung immer zunimmt, und zwar massiv. «Durchschnittlich nehmen die realen Staatsschulden in den drei Jahren nach einer Bankenkrise um 86 Prozent zu», stellen sie fest. «Die fiskalischen Konsequenzen, die direkte und indirekte Kosten beinhalten, sind viel teurer als die Kosten für das Bail-out.»
Staatsschulden soll man nicht verniedlichen und langfristig ist eine gewisse Inflationsgefahr nicht zu leugnen. Doch Panik ist fehl am Platz. Trotz der hohen Schulden und der Erwartung, dass sie kurzfristig nochmals steigen werden, sind die Zinsen für US-Staatsanleihen auf einem Rekordtief. Zudem: Was wäre die Alternative? Ein knallharter Sparkurs mit dem Versuch, das Budget auszugleichen, hat in den 1930er Jahren in die Grosse Depression geführt. Auch heute ist die Vorstellung absurd. Oder wie es Martin Wolf, Chefökonom der «Financial Times» ausdrückt: «Ich finde die Idee bizarr, den grössten Teil des Finanzsystems einstürzen zu lassen, unkonventionelle Geldpolitik zu vermeiden und das Staatsdefizit so gering wie möglich zu halten – und das als Voraussetzung für einen schnellen und nachhaltigen Aufschwung zu betrachten.»
Quelle: (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)
... widmet sich Alternativen der Ökonomie und in der wirtschaftspolitischen Diskussion; ... gehört zum Unternehmen «Media for a Better World» des Ökonomen und Journalisten Guntram Rehsche (s.a. www.tipp.ch); ... Beiträge sind zeitlich geordnet, Stichwort- und Labelsuche in rechter Spalte; ... Unterstützung mit Zahlung von 20 CHF auf IBAN CH46 0070 0111 3009 63007 (Guntram Rehsche / ZKB) - Danke!.
Donnerstag, 2. September 2010
Dienstag, 24. August 2010
Sozialer Nutzen lässt arbeiten
Bei öffentlichen Gütern versagt der Markt, lernt jeder Student der Volkswirtschaftslehre. Doch der Erfolg von Wikipedia widerlegt diese Theorie und ist eine der am häufigsten besuchten Internetseiten weltweit. Warum, zeigt eine neue Studie.
Was für ein Irrtum. Im Sommer 2002 berichtete die „Berliner Zeitung“ als eines der ersten deutschen Medien über das Internetlexikon Wikipedia – fasziniert, aber auch skeptisch: „Doch mag das Wissensreservoir auch regen Zulauf haben und stetig wachsen: In nächster Zeit wird es ihm wohl nicht gelingen, Referenzwerken wie dem Brockhaus den Rang abzulaufen.“ Keine sechs Jahre später teilte der Brockhaus-Verlag das Aus für das gedruckte Lexikon mit – und Wikipedia ist heute eine der am häufigsten besuchten Internet-Seiten weltweit. Zehntausende arbeiten für Wikipedia, freiwillig und ohne jedes Honorar. Eine Erfolgsgeschichte, die Volkswirte in Erklärungsnöte bringt. Ihre traditionellen Theorien legen nahe, dass es den Aufstieg des Internetlexikons gar nicht hätte geben dürfen. Warum sollten sich rationale Individuen die Mühe machen, unentgeltlich Lexikonartikel für ein anonymes Publikum zu schreiben? Jeder Internetnutzer kann das Onlinelexikon nutzen, ohne dass er selbst Beiträge beisteuert.
Damit ist Wikipedia das, was Volkswirte ein „öffentliches Gut“ nennen – ein Angebot, von dem alle Menschen profitieren und von dessen Nutzung niemand ausgeschlossen werden kann. Klassische Beispiele dafür sind Deiche und Straßenlaternen. Bei öffentlichen Gütern, so lernen angehende Volkswirte im Grundstudium, gibt es ein großes Dilemma: Es existieren starke Anreize zum Trittbrettfahrertum – dazu, das Angebot zu nutzen, ohne eine Gegenleistung zu erbringen. Die traditionelle Volkswirtschaftslehre postuliert: Je größer die Zahl der potenziellen Nutznießer ist, desto mehr Probleme entstehen mit Trittbrettfahrern.
Zumindest bei Wikipedia ist genau das Gegenteil der Fall, zeigt eine neue Studie, die demnächst im "American Economic Review" erscheint: Je größer die Zahl der potenziellen Leser, desto eher sind Menschen bereit, ihre Arbeitszeit für die Online-Enzyklopädie aufzuwenden – vermutlich, weil sie mentale Befriedigung daraus ziehen, dass ihre Text von vielen anderen gelesen werden.
Die Wissenschaftler Xiaoquan Zhang (Hong Kong University of Science and Technology) und Feng Zhu (University of Southern California) weisen diesen Effekt am Beispiel der chinesischen Wikipedia-Seite nach. Sie nutzen aus, dass die Regierung in Peking die Seite wegen politisch unliebsamer Informationen mehrfach zensiert hat. Ab Oktober 2005 zum Beispiel konnten Internetnutzer in China die Wikipedia-Seite fast ein Jahr lang nicht aufrufen. Durch die Blockade hat sich die Zielgruppe von Wikipedia über Nacht drastisch verringert. Millionen Internetnutzer waren plötzlich ausgeschlossen. Für chinesischsprachige Menschen in Taiwan, Hongkong und dem Rest der Welt blieb die Seite dagegen nutzbar.
Welche Folgen hatte das für die Aktivitäten auf der Webseite? Die Forscher konzentrierten sich auf das Verhalten der Nutzer außerhalb der Volksrepublik China – Menschen, die trotz Sperre weiter auf die Seite zugreifen und sie ändern konnten. Zhang und Zhu nutzen aus, dass alle Änderungen in Texten auf der Wikipedia-Seite detailliert protokolliert werden und Rückschlüsse zulassen auf das Land, in dem die Autoren leben. Sie verglichen die Aktivitäten bei Wikipedia unmittelbar vor und nach der Sperre. Sie stellten fest: Mit Beginn der Blockade haben sich chinesischsprachige Internetnutzer außerhalb der Volksrepublik deutlich weniger für Wikipedia interessiert – sie schrieben schlagartig weniger neue Beiträge und erweiterten bestehende Texte viel seltener.
„Die Beteiligung von nicht blockierten Autoren ist durch die Blockade im Schnitt um 42,8 Prozent zurückgegangen“, stellen die Ökonomen fest. Der Grund: Die Mitarbeit bei Wikipedia verschaffe den einzelnen Autoren Befriedigung – die Forscher sprechen dabei von „sozialem Nutzen“. „Die schrumpfende Gruppengröße reduziert diesen Nutzen“, schreiben sie. Ein Indiz dafür: Gerade die Autoren, denen der soziale Aspekt von Wikipedia besonders wichtig war und die sich intensiv in den Diskussionsforen des Lexikons tummelten, schrieben mit Beginn der Sperre deutlich weniger. „Unsere Studie liefert empirische Belege dafür, dass soziale Effekte stärker sein können als die Neigung zum Trittbrettfahrertum“, lautet das Fazit. Die Studie zeigt damit erneut: Volkswirte machen einen Fehler, wenn sie den Menschen zum reinen Egoisten erklären – dann können sie viele Phänomene des wahren Lebens nicht richtig erklären.
„Group Size and Incentives to Contribute: A Natural Experiment at Chinese Wikipedia“ , von Xiaoquan Zhan und Feng Zhu, erscheint in: American Economic Review
Quelle: Handelsblatt
Was für ein Irrtum. Im Sommer 2002 berichtete die „Berliner Zeitung“ als eines der ersten deutschen Medien über das Internetlexikon Wikipedia – fasziniert, aber auch skeptisch: „Doch mag das Wissensreservoir auch regen Zulauf haben und stetig wachsen: In nächster Zeit wird es ihm wohl nicht gelingen, Referenzwerken wie dem Brockhaus den Rang abzulaufen.“ Keine sechs Jahre später teilte der Brockhaus-Verlag das Aus für das gedruckte Lexikon mit – und Wikipedia ist heute eine der am häufigsten besuchten Internet-Seiten weltweit. Zehntausende arbeiten für Wikipedia, freiwillig und ohne jedes Honorar. Eine Erfolgsgeschichte, die Volkswirte in Erklärungsnöte bringt. Ihre traditionellen Theorien legen nahe, dass es den Aufstieg des Internetlexikons gar nicht hätte geben dürfen. Warum sollten sich rationale Individuen die Mühe machen, unentgeltlich Lexikonartikel für ein anonymes Publikum zu schreiben? Jeder Internetnutzer kann das Onlinelexikon nutzen, ohne dass er selbst Beiträge beisteuert.
Damit ist Wikipedia das, was Volkswirte ein „öffentliches Gut“ nennen – ein Angebot, von dem alle Menschen profitieren und von dessen Nutzung niemand ausgeschlossen werden kann. Klassische Beispiele dafür sind Deiche und Straßenlaternen. Bei öffentlichen Gütern, so lernen angehende Volkswirte im Grundstudium, gibt es ein großes Dilemma: Es existieren starke Anreize zum Trittbrettfahrertum – dazu, das Angebot zu nutzen, ohne eine Gegenleistung zu erbringen. Die traditionelle Volkswirtschaftslehre postuliert: Je größer die Zahl der potenziellen Nutznießer ist, desto mehr Probleme entstehen mit Trittbrettfahrern.
Zumindest bei Wikipedia ist genau das Gegenteil der Fall, zeigt eine neue Studie, die demnächst im "American Economic Review" erscheint: Je größer die Zahl der potenziellen Leser, desto eher sind Menschen bereit, ihre Arbeitszeit für die Online-Enzyklopädie aufzuwenden – vermutlich, weil sie mentale Befriedigung daraus ziehen, dass ihre Text von vielen anderen gelesen werden.
Die Wissenschaftler Xiaoquan Zhang (Hong Kong University of Science and Technology) und Feng Zhu (University of Southern California) weisen diesen Effekt am Beispiel der chinesischen Wikipedia-Seite nach. Sie nutzen aus, dass die Regierung in Peking die Seite wegen politisch unliebsamer Informationen mehrfach zensiert hat. Ab Oktober 2005 zum Beispiel konnten Internetnutzer in China die Wikipedia-Seite fast ein Jahr lang nicht aufrufen. Durch die Blockade hat sich die Zielgruppe von Wikipedia über Nacht drastisch verringert. Millionen Internetnutzer waren plötzlich ausgeschlossen. Für chinesischsprachige Menschen in Taiwan, Hongkong und dem Rest der Welt blieb die Seite dagegen nutzbar.
Welche Folgen hatte das für die Aktivitäten auf der Webseite? Die Forscher konzentrierten sich auf das Verhalten der Nutzer außerhalb der Volksrepublik China – Menschen, die trotz Sperre weiter auf die Seite zugreifen und sie ändern konnten. Zhang und Zhu nutzen aus, dass alle Änderungen in Texten auf der Wikipedia-Seite detailliert protokolliert werden und Rückschlüsse zulassen auf das Land, in dem die Autoren leben. Sie verglichen die Aktivitäten bei Wikipedia unmittelbar vor und nach der Sperre. Sie stellten fest: Mit Beginn der Blockade haben sich chinesischsprachige Internetnutzer außerhalb der Volksrepublik deutlich weniger für Wikipedia interessiert – sie schrieben schlagartig weniger neue Beiträge und erweiterten bestehende Texte viel seltener.
„Die Beteiligung von nicht blockierten Autoren ist durch die Blockade im Schnitt um 42,8 Prozent zurückgegangen“, stellen die Ökonomen fest. Der Grund: Die Mitarbeit bei Wikipedia verschaffe den einzelnen Autoren Befriedigung – die Forscher sprechen dabei von „sozialem Nutzen“. „Die schrumpfende Gruppengröße reduziert diesen Nutzen“, schreiben sie. Ein Indiz dafür: Gerade die Autoren, denen der soziale Aspekt von Wikipedia besonders wichtig war und die sich intensiv in den Diskussionsforen des Lexikons tummelten, schrieben mit Beginn der Sperre deutlich weniger. „Unsere Studie liefert empirische Belege dafür, dass soziale Effekte stärker sein können als die Neigung zum Trittbrettfahrertum“, lautet das Fazit. Die Studie zeigt damit erneut: Volkswirte machen einen Fehler, wenn sie den Menschen zum reinen Egoisten erklären – dann können sie viele Phänomene des wahren Lebens nicht richtig erklären.
„Group Size and Incentives to Contribute: A Natural Experiment at Chinese Wikipedia“ , von Xiaoquan Zhan und Feng Zhu, erscheint in: American Economic Review
Quelle: Handelsblatt
Elinor Ostrom im Interview
Die Wirtschaftssendung «ECO» hat die Nobelpreisträgerin exklusiv in Frankfurt getroffen. Elinor Ostrom hielt einen Gastvortrag an der Frankfurt School of Finance & Management.Im Interview erklärt sie, unter welchen Bedingungen gemeinschaftliche Regeln funktionieren und wann staatliche Regulierung notwendig ist. Englischsprachiges Original
Quelle: Schweizer Fernsehen
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Mittwoch, 16. Juni 2010
Vom Unsinn der Werbung
Die Post wirbt für Werbung in Briefkästen - trotz Werbestopp-Klebern. Die Begründung des gelben Riesen: Werbung sei ein wichtiger Ertragspfeiler. Hätte es noch eines Beweises bedurft, dass häufig für unsinnige Produkte und Dienstleistungen geworben wird, ist er hiermit erbracht.
Der Tages-Anzeiger berichtet von folgendem Beispiel: Markus Ammann* wunderte sich nicht schlecht. Letzte Woche lag ein Brief der Post in seinem Briefkasten, in dem sie für Direktwerbung wirbt. Beigefügt war ein Kleber für seinen Briefkasten mit der Aufschrift: «Werbung? Ok!». Dabei prangt an Ammanns Briefkasten klar und deutlich bereits die gegenteilige Botschaft: «Werbung nein danke!». Ammann ist empört.
Damit steht er nicht alleine da. In den letzten Tagen ging bei der Stiftung für Konsumentenschutz eine ganze Reihe von Beschwerden ein. «Viele Menschen ärgern sich über die ungebetene Post», sagt Geschäftsleiterin Sara Stalder. Die Werbe-Kleber gingen in der letzten Woche an 170'000 Haushalte mit Stopp-Klebern in den Kantonen Bern, Luzern und St. Gallen. Zusammen mit dem Kleber erhielten sie ein Gratismuster Nescafé Gold und ein Schreiben mit dem Versprechen, dank dem Kleber könnten die Empfänger künftig von unadressierter Werbung und von Warenproben profitieren. Gegen das Gesetz verstösst der «Briefkasten-Spam», wie Ammann es nennt, zwar nicht. Die Werbung ist adressiert. Die Anschriften hat die Post von Adresshändlern gekauft.
Die Aktion geht diese Woche in 180'000 Haushalten im Kanton Zürich und den beiden Basel weiter. Allerdings in abgeänderter Form: Hier werden keine Kleber verteilt. Das Motto lautet: «Sagen Sie Ja zu Werbung, die Sie wirklich interessiert!». In diesem Sinne sollen die Haushalte angeben, zu welchen Themen die Post ihnen künftig Warenproben und Werbung schicken darf. Beigelegt ist ebenfalls ein Gratismuster Nescafé Gold.
Konsumentenschützerin Stalder findet die Aktion daneben: «Es ist nicht Auftrag der Post, Leute umzustimmen und für Werbung empfänglich zu machen.» Insbesondere stört es sie, dass die Post die Konsumenten mit Gratismustern ködert: «Das ist billige Bestechung.» Auch das Konsumentenforum hat «wenig Verständnis».
Die Post versucht nicht zum ersten Mal, das Interesse der Konsumenten für ihre Direktwerbung anzuheizen. 2006 hat sie schon einmal einen Versuch in Basel und Zürich gemacht. Damals hat sie den Konsumenten zuerst angeboten, den alten Stopp-Kleber kostenlos und professionell vom Briefkasten zu entfernen. Danach schwenkte sie auf einen Pro-Werbe-Kleber um, wie er jetzt etwa in Bern verschickt wurde. Die Aktion erzielte jedoch kaum Wirkung. In Zürich stiegen lediglich 3 Prozent der Angeschriebenen auf das Angebot ein – obwohl die Post den Wechselwilligen sogar eine Prämie versprach.
Der Kampf der Post gegen die Stopp-Kleber ist auf eine Schweizer Eigenart zurückzuführen. Hierzulande prangt gemäss Zahlen von Publimedia an knapp 45 Prozent der Briefkästen ein solches Verbot – das sind gut 1,7 Millionen Haushalte. Im Kanton Zürich will mit 60 Prozent die Mehrheit der Bevölkerung keine unadressierte Werbung, in der Stadt Zürich sind es sogar 70 Prozent.
«In Deutschland und Österreich liegt der Anteil bei lediglich 10 Prozent», sagt Postsprecherin Nathalie Salamin. Sie verteidigt die Werbeaktion: «Wir wollen die Leute nicht bedrängen. Wenn jemand keine Werbung will, ist das in Ordnung.» Direktwerbung ist laut Salamin für die Post ein wichtiger Einkommenszweig, der viele Arbeitsplätze sichert. Die Post ist eine bedeutende Akteurin bei der Verteilung von Direktwerbung. Sie stellt zwei Drittel der adressierten und die Hälfte der nicht adressierten Werbesendungen in der Schweiz zu. Obwohl Experten davon ausgehen, dass das Internet die Direktwerbung im Briefkasten zunehmend verdrängen wird, sind die Umsätze aus der Zustellung in den letzten Jahren nur leicht gesunken auf 1,25 Milliarden Franken 2009.
Quelle: Tages-Anzeiger 16. Juni 2010
Der Tages-Anzeiger berichtet von folgendem Beispiel: Markus Ammann* wunderte sich nicht schlecht. Letzte Woche lag ein Brief der Post in seinem Briefkasten, in dem sie für Direktwerbung wirbt. Beigefügt war ein Kleber für seinen Briefkasten mit der Aufschrift: «Werbung? Ok!». Dabei prangt an Ammanns Briefkasten klar und deutlich bereits die gegenteilige Botschaft: «Werbung nein danke!». Ammann ist empört.
Damit steht er nicht alleine da. In den letzten Tagen ging bei der Stiftung für Konsumentenschutz eine ganze Reihe von Beschwerden ein. «Viele Menschen ärgern sich über die ungebetene Post», sagt Geschäftsleiterin Sara Stalder. Die Werbe-Kleber gingen in der letzten Woche an 170'000 Haushalte mit Stopp-Klebern in den Kantonen Bern, Luzern und St. Gallen. Zusammen mit dem Kleber erhielten sie ein Gratismuster Nescafé Gold und ein Schreiben mit dem Versprechen, dank dem Kleber könnten die Empfänger künftig von unadressierter Werbung und von Warenproben profitieren. Gegen das Gesetz verstösst der «Briefkasten-Spam», wie Ammann es nennt, zwar nicht. Die Werbung ist adressiert. Die Anschriften hat die Post von Adresshändlern gekauft.
Die Aktion geht diese Woche in 180'000 Haushalten im Kanton Zürich und den beiden Basel weiter. Allerdings in abgeänderter Form: Hier werden keine Kleber verteilt. Das Motto lautet: «Sagen Sie Ja zu Werbung, die Sie wirklich interessiert!». In diesem Sinne sollen die Haushalte angeben, zu welchen Themen die Post ihnen künftig Warenproben und Werbung schicken darf. Beigelegt ist ebenfalls ein Gratismuster Nescafé Gold.
Konsumentenschützerin Stalder findet die Aktion daneben: «Es ist nicht Auftrag der Post, Leute umzustimmen und für Werbung empfänglich zu machen.» Insbesondere stört es sie, dass die Post die Konsumenten mit Gratismustern ködert: «Das ist billige Bestechung.» Auch das Konsumentenforum hat «wenig Verständnis».
Die Post versucht nicht zum ersten Mal, das Interesse der Konsumenten für ihre Direktwerbung anzuheizen. 2006 hat sie schon einmal einen Versuch in Basel und Zürich gemacht. Damals hat sie den Konsumenten zuerst angeboten, den alten Stopp-Kleber kostenlos und professionell vom Briefkasten zu entfernen. Danach schwenkte sie auf einen Pro-Werbe-Kleber um, wie er jetzt etwa in Bern verschickt wurde. Die Aktion erzielte jedoch kaum Wirkung. In Zürich stiegen lediglich 3 Prozent der Angeschriebenen auf das Angebot ein – obwohl die Post den Wechselwilligen sogar eine Prämie versprach.
Der Kampf der Post gegen die Stopp-Kleber ist auf eine Schweizer Eigenart zurückzuführen. Hierzulande prangt gemäss Zahlen von Publimedia an knapp 45 Prozent der Briefkästen ein solches Verbot – das sind gut 1,7 Millionen Haushalte. Im Kanton Zürich will mit 60 Prozent die Mehrheit der Bevölkerung keine unadressierte Werbung, in der Stadt Zürich sind es sogar 70 Prozent.
«In Deutschland und Österreich liegt der Anteil bei lediglich 10 Prozent», sagt Postsprecherin Nathalie Salamin. Sie verteidigt die Werbeaktion: «Wir wollen die Leute nicht bedrängen. Wenn jemand keine Werbung will, ist das in Ordnung.» Direktwerbung ist laut Salamin für die Post ein wichtiger Einkommenszweig, der viele Arbeitsplätze sichert. Die Post ist eine bedeutende Akteurin bei der Verteilung von Direktwerbung. Sie stellt zwei Drittel der adressierten und die Hälfte der nicht adressierten Werbesendungen in der Schweiz zu. Obwohl Experten davon ausgehen, dass das Internet die Direktwerbung im Briefkasten zunehmend verdrängen wird, sind die Umsätze aus der Zustellung in den letzten Jahren nur leicht gesunken auf 1,25 Milliarden Franken 2009.
Quelle: Tages-Anzeiger 16. Juni 2010
Montag, 26. April 2010
Ökofonds sind konkurrenzfähig
Ökologische und ethische Aktienfonds Welt konnten in den vergangenen schwierigen fünf Jahren gut mit klassischen Fonds mithalten.
Knapp ein Fünftel der sauberen Fonds hat eine Rendite von mehr als 2,5 Prozent pro Jahr geschafft, keiner liegt unter minus 5 Prozent – im Schnitt ist das vergleichbar mit klassischen Fonds. Die Stiftung Warentest hat in der Mai-Ausgabe der Zeitschrift Finanztest die besten sauberen Fonds verglichen und gibt Empfehlungen für ein ökologisches und ein ethisches Muster-Depot.
Nachhaltige Fonds gibt es mittlerweile für fast alle Anlageklassen. Mit der Auswertung von Finanztest ist eine 100 Prozent nachhaltige Geldanlage ist daher kein Problem mehr. Die vielen Angebote mit ihren sehr unterschiedlich strengen Kriterien machen den Markt auch unübersichtlich. Wer nicht möchte, dass Öl-, Rüstungs- oder Atomfirmen im eigenen Depot landen, kann mit dem Test von Finanztest genau hinschauen, wie Öko und Ethik im Einzelfall definiert ist.
Empfehlenswert ist zum Beispiel der global anlegende Aktienfonds Green Effects NAI-Werte. Er hat die strengsten Ausschlusskriterien für umweltschädliche und unethische Branchen und gleichzeitig die beste Finanztest-Bewertung für Wertentwicklung und -Stabilität. Gut abgeschnitten hat auch der Pioneer Global Ecology und der Swisscanto Green Invest - die beide in der Schweiz aktiv vertrieben werden.
Demgegenüber ist der Siegerfonds Green Effects im Nachteil: Es sind nur 30 Aktien in dem Fonds – als Basisanlage ist das zu wenig, der Fonds eignet sich daher nur zur Beimischung. Und er ist offiziell in der Schweiz nicht zum Vertrieb zugelassen - das heisst, er darf nicht beworben, auf Anfrage der Kundschaft aber verkauft werden.
Für den sicheren Teil des Depots eignen sich zum Beispiel Rentenfonds. Auch hier gibt es Fonds mit Öko- und Ethik-Schwerpunkt, die Staaten nach ihren Umweltgesetzen oder nach der Haltung zur Todesstrafe bewerten. Doch bei Staatsanleihen müssen Anleger zwangsläufig Kompromisse eingehen, denn die wenigsten Länder haben eine vollständig weiße Weste. Der Test mit den besten Ethik- und Ökofonds ist in der Mai-Ausgabe der Zeitschrift Finanztest veröffentlicht, die vollständige Übersicht aller sauberen Fonds online:
© Oekonomedia / Quelle: Sonnenseite / Stiftung Warentest 2010
Knapp ein Fünftel der sauberen Fonds hat eine Rendite von mehr als 2,5 Prozent pro Jahr geschafft, keiner liegt unter minus 5 Prozent – im Schnitt ist das vergleichbar mit klassischen Fonds. Die Stiftung Warentest hat in der Mai-Ausgabe der Zeitschrift Finanztest die besten sauberen Fonds verglichen und gibt Empfehlungen für ein ökologisches und ein ethisches Muster-Depot.
Nachhaltige Fonds gibt es mittlerweile für fast alle Anlageklassen. Mit der Auswertung von Finanztest ist eine 100 Prozent nachhaltige Geldanlage ist daher kein Problem mehr. Die vielen Angebote mit ihren sehr unterschiedlich strengen Kriterien machen den Markt auch unübersichtlich. Wer nicht möchte, dass Öl-, Rüstungs- oder Atomfirmen im eigenen Depot landen, kann mit dem Test von Finanztest genau hinschauen, wie Öko und Ethik im Einzelfall definiert ist.
Empfehlenswert ist zum Beispiel der global anlegende Aktienfonds Green Effects NAI-Werte. Er hat die strengsten Ausschlusskriterien für umweltschädliche und unethische Branchen und gleichzeitig die beste Finanztest-Bewertung für Wertentwicklung und -Stabilität. Gut abgeschnitten hat auch der Pioneer Global Ecology und der Swisscanto Green Invest - die beide in der Schweiz aktiv vertrieben werden.
Demgegenüber ist der Siegerfonds Green Effects im Nachteil: Es sind nur 30 Aktien in dem Fonds – als Basisanlage ist das zu wenig, der Fonds eignet sich daher nur zur Beimischung. Und er ist offiziell in der Schweiz nicht zum Vertrieb zugelassen - das heisst, er darf nicht beworben, auf Anfrage der Kundschaft aber verkauft werden.
Für den sicheren Teil des Depots eignen sich zum Beispiel Rentenfonds. Auch hier gibt es Fonds mit Öko- und Ethik-Schwerpunkt, die Staaten nach ihren Umweltgesetzen oder nach der Haltung zur Todesstrafe bewerten. Doch bei Staatsanleihen müssen Anleger zwangsläufig Kompromisse eingehen, denn die wenigsten Länder haben eine vollständig weiße Weste. Der Test mit den besten Ethik- und Ökofonds ist in der Mai-Ausgabe der Zeitschrift Finanztest veröffentlicht, die vollständige Übersicht aller sauberen Fonds online:
© Oekonomedia / Quelle: Sonnenseite / Stiftung Warentest 2010
Dienstag, 6. April 2010
Ökobonus für Sozialausgleich
Effektiver Klimaschutz würde fossile Energie deutlich verteuern. Damit daraus im In- wie im Ausland keine sozialen Schieflagen entstehen, müssen Klima- und Sozialpolitik aus einem Guss sein. Strikte Grenzen für den Ausstoß von Klimagasen, ein umfassender Emissionshandel und ein aus dessen Erlösen gezahlter globaler Ökobonus für alle Menschen bieten dazu einen Ansatz.
Zu diesem Ergebnis kommt eine neue, von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie von Prof. Dr. Felix Ekardt, Professor für Umweltrecht und Rechtsphilosophie an der Universität Rostock. Die Angst vor sozialen Verwerfungen hält Politiker in westlichen Ländern von weit reichenden umweltpolitischen Maßnahmen ab, konstatiert der Leiter der Forschungsgruppe für Nachhaltigkeit und Klimapolitik. Entwicklungs- und Schwellenländer befürchteten wiederum, Klimaschutz stehe der wirtschaftlichen Entwicklung entgegen. Dabei ist klar: Wenn der Ausstoß klimaschädlicher Gase nicht in naher Zukunft deutlich zurückgeht, wird der Klimawandel Nord und Süd am Ende noch viel teurer zu stehen kommen.
"Die bisher verfolgte und beim Klimagipfel in Kopenhagen wieder bestätigte Strategie der Politik, sich aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen mit unzureichenden Klimazielen zufrieden zu geben und damit langfristig den sozial verheerenden Klimawandel in Kauf zu nehmen, ist gescheitert", betont Ekardt. Nötig sei ein neues globales Instrumentarium, das "eine radikale Klimawende im offensichtlichen Eigeninteresse fast aller Menschen und Staaten" möglich mache, anders als in den in Kopenhagen diskutierten Ansätzen.
Der Wissenschaftler schlägt vor, den Emissionshandel auf den gesamten Verbrauch fossiler Energien auszudehnen, dabei erheblich ehrgeizigere Reduktionsziele zu setzen - und die Erlöse in jedem Staat gleichmäßig unter den Bürgern zu verteilen. Dieser Ökobonus soll einen Ausgleich für Preissteigerungen bei Energie und den Produkten energieintensiver Industrien bieten. Der Mechanismus würde eine Klimapolitik ohne übermäßige soziale Härten ermöglichen, erwartet Ekardt: "Da der Ökobonus jedem zukommt, aber die Gutverdienenden als Energiemehrverbraucher mehr zu seiner Finanzierung beitragen, hebt dies eine etwaige soziale Schieflage der Klimapolitik auf."
Denn wenn jemand genau so viel Energie - und die damit verbundene Klimabelastung - in Anspruch nimmt, wie nach Maßgabe der politisch vorgegebenen Emissionsziele pro Person zur Verfügung steht, dann heben sich empfangener Ökobonus und gezahlte Emissionsabgaben idealtypisch auf. Wer besonders ressourcenschonend lebt, macht Gewinn. Und wer überdurchschnittlich viel Energie verbraucht, zahlt mehr.
Das Modell würde nicht nur zur gerechten Lastenverteilung innerhalb eines Landes beitragen - etwa indem Hartz-IV-Empfänger qua Ökobonus von höheren Abgaben der Besserverdiener auf Kauf und Betrieb klimaschädlicher Geländewagen profitieren, zeigt der Jurist und Soziologe auf. Auch zwischen Industrie- und Entwicklungsländern käme es zu einem Ausgleich: Da Energieverbrauch und Schadstoffausstoß pro Person in entwickelten Ländern wesentlich höher sind als in weniger entwickelten Staaten, wären beispielsweise die Europäer gezwungen, viel mehr Emissionsrechte zu kaufen und folglich viel höhere Kosten an die Endverbraucher weiterzugeben als südliche Länder. Zudem gelänge der soziale Ausgleich dadurch, dass der Ökobonus im Süden höher wäre als im Norden.
Um das Modell umzusetzen, hält Ekardt folgende Rahmensetzungen für sinnvoll:
- Die "erlaubten" Mengen an Klimagasausstößen berechnen sich anhand der Einwohnerzahl der Erde. Beginnen würde man mit dem aktuellen globalen Durchschnitt: 5 Tonnen pro Mensch. Das zulässige Maß müsste dann in vielen kleinen Schritten jährlich absinken - auf 0,5 oder 0,7 Tonnen pro Mensch im Jahr 2050.
- Die Ermittlung und finanzielle Abrechnung des Klimagasausstoßes setzt bei der Gewinnung von und dem Handel mit Primärenergieträgern an, also bei Kohle-, Gas- und Öl-Unternehmen. Jeder Importeur oder Verkäufer von fossilen Brennstoffen muss bei einer Auktion Emissionsrechte erwerben. Anders als beim bisherigen EU-Emissionshandel würden so fast sämtliche Klimagasausstöße erfasst. Zudem wären die Ziele strenger und die Landnutzung einzubeziehen.
- Die Primärenergieunternehmen würden ihre Ersteigerungskosten für die Emissionsrechte gleichmäßig über Produkte, Strom, Wärme und Treibstoff an die Endverbraucher weitergeben; umgekehrt würden sie Versteigerungs-Einnahmen pro Kopf an alle Menschen verteilen (Ökobonus). In Ländern, in denen die nötige Infrastruktur zur individuellen Auszahlung des Ökobonus (noch) fehlt, könnte das Geld übergangsweise in soziale Projekte fließen.
- Diese Grundgedanken können über eine globale Institution verwirklicht werden, sie können aber auch - dies ist Gegenstand der Studie - in einen komplexen Staaten- und Unternehmensemissionshandel übersetzt werden. Dabei gibt es eine jährlich sinkende, an der Einwohnerzahl orientierte Emissionsrechte-Zuteilung an die Staaten (quantitativ leicht verschoben zugunsten des Südens). Die Staaten dürfen dann Emissionsrechte handeln, und innerhalb ihrer Grenzen wird die jedem Staat danach verbleibende Menge in einen Primärenergie-Emissionshandel der Unternehmen und in einen Ökobonus übersetzt.
Der Bonus fällt dann wegen des vorangegangenen Staatenemissionshandels im Süden deutlich höher aus als im Norden, weil die Staatenemissionshandelskosten die Verteilungsmasse im Süden erhöhen und im Norden mindern. "Das gesamte Modell dient in jedem Fall dem ökonomisch-sozialen, friedenspolitischen und ökologischen Interesse fast aller Beteiligten weltweit und habe deshalb Chancen auf weltweite Akzeptanz", sagt Ekardt. Es sei zudem gerecht, weltweit allen Menschen gleiche Emissionsrechte zuzugestehen und durch die Konstruktion des Modells einen teilweisen Ausgleich für die historische Verursachung des Klimawandels durch den Westen zu schaffen. So könne man in Entwicklungsländern Entwicklung ermöglichen sowie Klimaschutz und Klimawandelsfolgen finanzieren.
Zwar erfordere der Ansatz eine starke internationale Organisation, der es gelinge, weltweit gültige Spielregeln durchzusetzen. Dies sei jedoch kein Novum. Als Beispiel nennt Ekardt die Welthandelsorganisation WTO. Nach deren Vorbild ließe sich das bereits existierende Klimasekretariat der Vereinten Nationen "zu einer schlagkräftigen Weltklimabehörde ausbauen".
Quellen: Hans-Böckler-Stiftung 2010 / Sonnenseite
Zu diesem Ergebnis kommt eine neue, von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie von Prof. Dr. Felix Ekardt, Professor für Umweltrecht und Rechtsphilosophie an der Universität Rostock. Die Angst vor sozialen Verwerfungen hält Politiker in westlichen Ländern von weit reichenden umweltpolitischen Maßnahmen ab, konstatiert der Leiter der Forschungsgruppe für Nachhaltigkeit und Klimapolitik. Entwicklungs- und Schwellenländer befürchteten wiederum, Klimaschutz stehe der wirtschaftlichen Entwicklung entgegen. Dabei ist klar: Wenn der Ausstoß klimaschädlicher Gase nicht in naher Zukunft deutlich zurückgeht, wird der Klimawandel Nord und Süd am Ende noch viel teurer zu stehen kommen.
"Die bisher verfolgte und beim Klimagipfel in Kopenhagen wieder bestätigte Strategie der Politik, sich aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen mit unzureichenden Klimazielen zufrieden zu geben und damit langfristig den sozial verheerenden Klimawandel in Kauf zu nehmen, ist gescheitert", betont Ekardt. Nötig sei ein neues globales Instrumentarium, das "eine radikale Klimawende im offensichtlichen Eigeninteresse fast aller Menschen und Staaten" möglich mache, anders als in den in Kopenhagen diskutierten Ansätzen.
Der Wissenschaftler schlägt vor, den Emissionshandel auf den gesamten Verbrauch fossiler Energien auszudehnen, dabei erheblich ehrgeizigere Reduktionsziele zu setzen - und die Erlöse in jedem Staat gleichmäßig unter den Bürgern zu verteilen. Dieser Ökobonus soll einen Ausgleich für Preissteigerungen bei Energie und den Produkten energieintensiver Industrien bieten. Der Mechanismus würde eine Klimapolitik ohne übermäßige soziale Härten ermöglichen, erwartet Ekardt: "Da der Ökobonus jedem zukommt, aber die Gutverdienenden als Energiemehrverbraucher mehr zu seiner Finanzierung beitragen, hebt dies eine etwaige soziale Schieflage der Klimapolitik auf."
Denn wenn jemand genau so viel Energie - und die damit verbundene Klimabelastung - in Anspruch nimmt, wie nach Maßgabe der politisch vorgegebenen Emissionsziele pro Person zur Verfügung steht, dann heben sich empfangener Ökobonus und gezahlte Emissionsabgaben idealtypisch auf. Wer besonders ressourcenschonend lebt, macht Gewinn. Und wer überdurchschnittlich viel Energie verbraucht, zahlt mehr.
Das Modell würde nicht nur zur gerechten Lastenverteilung innerhalb eines Landes beitragen - etwa indem Hartz-IV-Empfänger qua Ökobonus von höheren Abgaben der Besserverdiener auf Kauf und Betrieb klimaschädlicher Geländewagen profitieren, zeigt der Jurist und Soziologe auf. Auch zwischen Industrie- und Entwicklungsländern käme es zu einem Ausgleich: Da Energieverbrauch und Schadstoffausstoß pro Person in entwickelten Ländern wesentlich höher sind als in weniger entwickelten Staaten, wären beispielsweise die Europäer gezwungen, viel mehr Emissionsrechte zu kaufen und folglich viel höhere Kosten an die Endverbraucher weiterzugeben als südliche Länder. Zudem gelänge der soziale Ausgleich dadurch, dass der Ökobonus im Süden höher wäre als im Norden.
Um das Modell umzusetzen, hält Ekardt folgende Rahmensetzungen für sinnvoll:
- Die "erlaubten" Mengen an Klimagasausstößen berechnen sich anhand der Einwohnerzahl der Erde. Beginnen würde man mit dem aktuellen globalen Durchschnitt: 5 Tonnen pro Mensch. Das zulässige Maß müsste dann in vielen kleinen Schritten jährlich absinken - auf 0,5 oder 0,7 Tonnen pro Mensch im Jahr 2050.
- Die Ermittlung und finanzielle Abrechnung des Klimagasausstoßes setzt bei der Gewinnung von und dem Handel mit Primärenergieträgern an, also bei Kohle-, Gas- und Öl-Unternehmen. Jeder Importeur oder Verkäufer von fossilen Brennstoffen muss bei einer Auktion Emissionsrechte erwerben. Anders als beim bisherigen EU-Emissionshandel würden so fast sämtliche Klimagasausstöße erfasst. Zudem wären die Ziele strenger und die Landnutzung einzubeziehen.
- Die Primärenergieunternehmen würden ihre Ersteigerungskosten für die Emissionsrechte gleichmäßig über Produkte, Strom, Wärme und Treibstoff an die Endverbraucher weitergeben; umgekehrt würden sie Versteigerungs-Einnahmen pro Kopf an alle Menschen verteilen (Ökobonus). In Ländern, in denen die nötige Infrastruktur zur individuellen Auszahlung des Ökobonus (noch) fehlt, könnte das Geld übergangsweise in soziale Projekte fließen.
- Diese Grundgedanken können über eine globale Institution verwirklicht werden, sie können aber auch - dies ist Gegenstand der Studie - in einen komplexen Staaten- und Unternehmensemissionshandel übersetzt werden. Dabei gibt es eine jährlich sinkende, an der Einwohnerzahl orientierte Emissionsrechte-Zuteilung an die Staaten (quantitativ leicht verschoben zugunsten des Südens). Die Staaten dürfen dann Emissionsrechte handeln, und innerhalb ihrer Grenzen wird die jedem Staat danach verbleibende Menge in einen Primärenergie-Emissionshandel der Unternehmen und in einen Ökobonus übersetzt.
Der Bonus fällt dann wegen des vorangegangenen Staatenemissionshandels im Süden deutlich höher aus als im Norden, weil die Staatenemissionshandelskosten die Verteilungsmasse im Süden erhöhen und im Norden mindern. "Das gesamte Modell dient in jedem Fall dem ökonomisch-sozialen, friedenspolitischen und ökologischen Interesse fast aller Beteiligten weltweit und habe deshalb Chancen auf weltweite Akzeptanz", sagt Ekardt. Es sei zudem gerecht, weltweit allen Menschen gleiche Emissionsrechte zuzugestehen und durch die Konstruktion des Modells einen teilweisen Ausgleich für die historische Verursachung des Klimawandels durch den Westen zu schaffen. So könne man in Entwicklungsländern Entwicklung ermöglichen sowie Klimaschutz und Klimawandelsfolgen finanzieren.
Zwar erfordere der Ansatz eine starke internationale Organisation, der es gelinge, weltweit gültige Spielregeln durchzusetzen. Dies sei jedoch kein Novum. Als Beispiel nennt Ekardt die Welthandelsorganisation WTO. Nach deren Vorbild ließe sich das bereits existierende Klimasekretariat der Vereinten Nationen "zu einer schlagkräftigen Weltklimabehörde ausbauen".
Quellen: Hans-Böckler-Stiftung 2010 / Sonnenseite
Samstag, 13. März 2010
Freier Markt ist Theologie
Kapitalismus ist eine Religion – wobei nur eine Kyrptoreligion oder Spätform, die instrumentalisiert und missbraucht wird. Der scheidende Ethik-Professor Ulrich äusserte sich auf Schweizer Fernsehen.
«Ethik ist eine Reflexionsform – und in diesem Sinn hat es sich gelohnt, entsprechende Gedanken tausenden von Absolventen der HSG mitzugeben.» Wirtschaftsethik ist dann ein Stück nachholende Aufklärung in einem Bereich, der das noch dringend nötig hat – so Eberhard Ulrich nach seiner Abschiedsvorlesung, reflektiert mit Roger de Weck auf SF 1. Mehr Markt, Marktgläubigkeit, Marktkoordination hat kein eingebautes Harmoniepotential – eine Annahme, die daher rührt, der ungeregelte Markt sei eine natürliche Ordnung und diese eine Schöpfung Gottes, der die Natur weise eingerichtet habe – ergo werde alles gut, wenn wir alles der Selbststeuerung der Marktkräfte überlassen. Wer hingegen eingreifen will, gilt als Ketzer dieser markttheologischen Sicht.
Gescheitert ist die andere Koordination natürlich auch, jene des Plans, zu verstehen aus der Konstellation des kalten Krieges. Resultat waren sozialpolitische Zugeständnisse, in denen Bevölkerung nicht aufbegehrte gegen Wirkung einer entfesselten Marktsteuerung. Nach 1989 kam es zum Triumpfgeheul des sich siegreich wähnenden Kapitalismus. Ulrich warnte allerdings schon damals, dass beide gleich alt seien, Kommunismus wie Kapitalismus, beide waren ihm damals schon Metaphern, also metaphysische, übernatürliche Glaubenssystemen – die an realen Ereignissen nicht scheitern konnten.
Marktwirtchaft ist eine rechtsstaatliche Veranstaltung – das spezifiziert noch keine Wirtschaft – dass Markt gebraucht wird, ist trivial, aber es gibt viele Varianten. Es braucht immer intelligenten Mix von Marktsteuerung und rechtstaatlichen Bedingungen sowie Anreizstrukturen. Dazu kommt eine Gesellschaft, die zwischen Wirtschaft und Gesellschaft unterscheiden kann. Arbeitslosigkeit und wachsende Ungleichheiten kennzeichnen letztere, und sind durch erstere nicht zu lösen – obwohl links wie rechts glauben, es gebe wirtschaftliche Antworten. Vielmehr bräuchten diese gesellschaftspolitischen Probleme auch gesellschaftspolitische Lösungen.
Marktwirtschaft funktioniert an sich ausgezeichnet, Folgeprobleme sind das Resultat einer Erfolgsgeschichte durch Rationalisierungsdynamik unter gegebenen Bedingungen führt zur Wegrationalierung von Arbeit. Kein Wirtschaftsführer beabsichtige, Arbeitsplätze zu schaffen «Glauben Sie diesbezüglich keinem!», so Ulrich in seinem Gespräch. Arbeitsplätze sind Kosten, die es zu minimieren gilt. Ziel ist Eigenkapitalrendite. Entsprechend, so de Weck in einem launischen Einwurf, heisst es ja auch nicht Laborismus, sondern Kapitalismus. Mit Markt hat das aber rein gar nichts zu tun.
Wirtschaftliche und politische Liberalisierung gingen ursprünglich Hand in Hand, im Laufe des 19. Jahrhunderts ging das einen anderen Weg – in dessen Mitte ein ungeheurer Boom mit enormem Wohlstandsgewinn. An dessen Ende tauchte die soziale Frage auf (1870), denn die Armut für alle war nicht beseitigt mit einem erfolgreichen Bürgertum und auf der anderen Seite mit dem Proletariat oder zeitgemässer mit dem Prekariat, Menschen, die in prekären Lebenslagen mit tiefgreifender existentieller Verunsicherung. Damals war das Bürgertum eine progressive Macht, die NZZ eine linke Zeitung. Sollte das Projekt an Freiheit für Alle festhalten oder erworbene Privilegien bewahren – wofür sich das Bürgertum entschied. Das emanzipatorische Projekt einer Bürgergesellschaft für Alle war damit den Linken vorbehalten.
In dieser Zeit entstanden unter Bismark die ersten Sozialversicherungen. Diese frühe Form einer sozialen Marktwirtschaft hatte allerdings einen Geburtsfehler: Der Sozialstaat sollte im Nachhinein die Symptome lindern und korrigieren als Reperaturbetrieb. An Ursachen hat man bis heute nichts geändert. Gibt es also ein System, in dem die soziale Frage mitschwingt. Nicht nach einem System ist zu suchen, das das realisiert im Sinne eines Mechanismus, der automatisch dafür sorgt, alle gesellschaftlichen Koordinationsprobleme perfekt zu lösen. Wir sollten vielmehr gelernt haben, dass erstens ein intelligenter Mix von Markt und Staatssteuerung unverzichtbar ist, dass zweitens das so konzipierte System der Einbettung in eine modernen Gesellschaft bedarf – dort sind die Hauptprobleme.
Vordergründig hat sich das mw-System in Eigensinn und Unsinn verselbständigt. Das ist aber nicht grundlos geschehen. Warum haben die Menschen denn diese Entkoppelung gebilligt. Dahinter steht ein Gedankenbett: Noch die ärgsten Marktideologen müssen davon überzeugt sein, das sei eine legitime Wirtschaftsordnung – die meisten sind marktgläubig und setzen voraus, dass der Staat diese Deregulierung machtvoll durchsetzen kann. Also auch die Liberalen vertrauen auf den Staat! Ein solches System muss etabliert sein, durchgesetzt werden mit Eigentums-, Haftungs- und Vertragsrechten. Unter ihrer Ägide ist die Rolle des Staates oft sogar explosionsartig gewachsen.
Der sozialdemokratische Kompromiss schien nach 1989 nicht mehr nötig, also durfte Kapitalismus hemmungsloser werden. Das ebnete dem Neoliberalismus den Boden. Nun nach 25 Jahren dieses Zeitgeists scheint er am Ende der Fahnenstange angekommen zu sein. Die Entbettung der Wirtschaft findet allerdings nicht staat, sondern gemäss de Weck eher die Übernahme der Gesellschaft durch die Wirtschaft. Der Hilfsbedürftige wird zum Klienten, zum Marktobjekt des Sozialarbeiters. Der wird damit nur vermeintlich geadelt. Diese Verkehrung der Verhältnisse, die Ökonomisierung von fast allem, allen Lebensbereichen und der ganzen Welt (Globalisierung), der Politik, die zum Verwalter der Sachzwänge wurde, die die Marktwirtschaft geschaffen hat. Der Standortwettbewerb, der immer auch ein Ordnungswettbewerb ist, hat das Seine dazu beigetragen.
Wettbewerb ist vielleicht auf politische Einheiten gar nicht anwendbar. Der Primat der Politik ist die vernünftige Vss. für jede Gestaltbarkeit der Wirtschaftsordnung, nur das ist vernünftig. Hat nicht dennoch das Geld immer die Macht, so de Weck? Entgegenhält Ulrich die Rolle der Ethik. Sie hat sicher nicht die Macht , Verhälntnisse zu ändern, nur Begriffe zu klären. Marktsteuerung ist nicht per se gut, weil Markt machtvoll ist als Beispiel. Denn er bildet Machtverhältnisse im Idealfall ab, jeder kann gut verhandeln, aber mehr liegt nicht drin. Die Mächtigen sind deshalb immer f¨ür Deregulierung, die Schwächeren reagieren skeptisch. Ausgleich ist zu suchen, wir brauchen dafür eine zivilisierte Marktwirtschaft, deren gutes Funktionierne gemessen wird, die sie für die civil society leistet. Freie und gleichberechtigte Bürger, ein urschweizerisches Ideal, das uns abhanden gekommen ist.
Wie kommen wir dorthin. Der Ethiker gibt durchaus Antworten: Eine gute Wirtschaftsordnung fällt nicht vom Himmel, also trägt jemand Verantwortung. In einer modernen Gesellschaft bilden die Bürger den Kern. Sie stehen vor Herausforderung, auch im Wirtschaftsleben den gleichen Bürgersinn gelten zu lassen, der sonst als normal gilt. Also das Nutzenstreben nicht abspalten, sondern integrieren. Demokratie und MW als Gegensatz also? Nein, wir sind einfach noch zu stark von Ideologien geprägt. Denn es ist nicht schwer klar zu machen, dass Lebensqualität sich nicht in Konsum erschöpft. Freiheit heisst nicht Konsumfreiheit, also herrscht Zuversicht, dass moderne Bürger ihre Rechte als zentral anschaut und nicht einfach Konsum.
Aber gerade HSG-Absolventen gehen doch diesen Weg? Der Einfluss der Uni hält sich in Grenzen vielmehr. Und es hat alle Arten von Denkmustern – vielleicht hat sich im Laufe der Jahre was verschoben. Die Jungen heute mit ihrer Offenheit übernehmen alte Doktrinen nicht einfach so (Wüstenhagens Erfolg). Aber wie im Velorennen gibt es Vorhut und Nachzügler. Wer heute das Sagen hat, repräsentiert die alte Denke. Die HSG hat immerhin Kontextstudium eingefügt mit grösserem Rahmen im Studium – 25% der Credits in geistes- und sozialwiss. Studiums zu erwerben – gegen das Fachidotentum.
Schon Sik hat nach drittem Weg gesucht, war aber Einzelgänger. Immer nur ein Mauerblümchen? Das stimmt so nicht mehr, ein Drittel der ProfessorInnen denken wie der hausinterne Wirtschaftsethiker. Vielleicht herrscht da auch selektive Wahrnehmung ausserhalb. Gerade Staatsrechtler haben noch Sinn für die Rangordnung der Dinge. Zuerst die Ethik, dann die Politik, dann erst die Ökonomie. Andernorts ist das natürlich anders. Moralphilosoph war auch Adam Smith. Von Fachökonomen wird immer nur der halbe Smith gelesen (Vom Wohlstand der Nationen). Er wurde Ökonom, weil er ein Problem der Moralphilosophie nicht lösen konnte. Wie das richtige tun?
Eine Marktgesellschaft ist der Feind des legitimen Marktes. Vielmehr muss MW eingebunden sein in Gesellschaft, die Risiko so mindern kann. Weniger Markt kann heissen mehr Gleichheit, geringere Blasenrisiken – das sind gesellschaftliche Ziele. Röpke sagte auch als Marktwirtschafter, Liberalismus ist nicht primär wirtschaftlich – sondern gesellschaftlich . Siehe Dänemark: Niemand soll aus gesell. Rahmen herausfallen, dann wird Markt entfesselt. Trotz hoher Staatsquote hoch wettbewerbsfähig, Flexicurity. CH ist mittlere Form mit ihrem basisdemokratischen Denken, das sich teils positiv niedersclhägt etwa in AHV, die eine Art Bürgerversicherung ist mit ihrer Minimalrente, die Hälfte des Maximums ist. «Solche stark bürgerrechtliche Traditionen sollten wir aus- nicht abbauen.»
Inti hier
Abschiedsvorlesung bei: Ulrich
© Oekonomedia
«Ethik ist eine Reflexionsform – und in diesem Sinn hat es sich gelohnt, entsprechende Gedanken tausenden von Absolventen der HSG mitzugeben.» Wirtschaftsethik ist dann ein Stück nachholende Aufklärung in einem Bereich, der das noch dringend nötig hat – so Eberhard Ulrich nach seiner Abschiedsvorlesung, reflektiert mit Roger de Weck auf SF 1. Mehr Markt, Marktgläubigkeit, Marktkoordination hat kein eingebautes Harmoniepotential – eine Annahme, die daher rührt, der ungeregelte Markt sei eine natürliche Ordnung und diese eine Schöpfung Gottes, der die Natur weise eingerichtet habe – ergo werde alles gut, wenn wir alles der Selbststeuerung der Marktkräfte überlassen. Wer hingegen eingreifen will, gilt als Ketzer dieser markttheologischen Sicht.
Gescheitert ist die andere Koordination natürlich auch, jene des Plans, zu verstehen aus der Konstellation des kalten Krieges. Resultat waren sozialpolitische Zugeständnisse, in denen Bevölkerung nicht aufbegehrte gegen Wirkung einer entfesselten Marktsteuerung. Nach 1989 kam es zum Triumpfgeheul des sich siegreich wähnenden Kapitalismus. Ulrich warnte allerdings schon damals, dass beide gleich alt seien, Kommunismus wie Kapitalismus, beide waren ihm damals schon Metaphern, also metaphysische, übernatürliche Glaubenssystemen – die an realen Ereignissen nicht scheitern konnten.
Marktwirtchaft ist eine rechtsstaatliche Veranstaltung – das spezifiziert noch keine Wirtschaft – dass Markt gebraucht wird, ist trivial, aber es gibt viele Varianten. Es braucht immer intelligenten Mix von Marktsteuerung und rechtstaatlichen Bedingungen sowie Anreizstrukturen. Dazu kommt eine Gesellschaft, die zwischen Wirtschaft und Gesellschaft unterscheiden kann. Arbeitslosigkeit und wachsende Ungleichheiten kennzeichnen letztere, und sind durch erstere nicht zu lösen – obwohl links wie rechts glauben, es gebe wirtschaftliche Antworten. Vielmehr bräuchten diese gesellschaftspolitischen Probleme auch gesellschaftspolitische Lösungen.
Marktwirtschaft funktioniert an sich ausgezeichnet, Folgeprobleme sind das Resultat einer Erfolgsgeschichte durch Rationalisierungsdynamik unter gegebenen Bedingungen führt zur Wegrationalierung von Arbeit. Kein Wirtschaftsführer beabsichtige, Arbeitsplätze zu schaffen «Glauben Sie diesbezüglich keinem!», so Ulrich in seinem Gespräch. Arbeitsplätze sind Kosten, die es zu minimieren gilt. Ziel ist Eigenkapitalrendite. Entsprechend, so de Weck in einem launischen Einwurf, heisst es ja auch nicht Laborismus, sondern Kapitalismus. Mit Markt hat das aber rein gar nichts zu tun.
Wirtschaftliche und politische Liberalisierung gingen ursprünglich Hand in Hand, im Laufe des 19. Jahrhunderts ging das einen anderen Weg – in dessen Mitte ein ungeheurer Boom mit enormem Wohlstandsgewinn. An dessen Ende tauchte die soziale Frage auf (1870), denn die Armut für alle war nicht beseitigt mit einem erfolgreichen Bürgertum und auf der anderen Seite mit dem Proletariat oder zeitgemässer mit dem Prekariat, Menschen, die in prekären Lebenslagen mit tiefgreifender existentieller Verunsicherung. Damals war das Bürgertum eine progressive Macht, die NZZ eine linke Zeitung. Sollte das Projekt an Freiheit für Alle festhalten oder erworbene Privilegien bewahren – wofür sich das Bürgertum entschied. Das emanzipatorische Projekt einer Bürgergesellschaft für Alle war damit den Linken vorbehalten.
In dieser Zeit entstanden unter Bismark die ersten Sozialversicherungen. Diese frühe Form einer sozialen Marktwirtschaft hatte allerdings einen Geburtsfehler: Der Sozialstaat sollte im Nachhinein die Symptome lindern und korrigieren als Reperaturbetrieb. An Ursachen hat man bis heute nichts geändert. Gibt es also ein System, in dem die soziale Frage mitschwingt. Nicht nach einem System ist zu suchen, das das realisiert im Sinne eines Mechanismus, der automatisch dafür sorgt, alle gesellschaftlichen Koordinationsprobleme perfekt zu lösen. Wir sollten vielmehr gelernt haben, dass erstens ein intelligenter Mix von Markt und Staatssteuerung unverzichtbar ist, dass zweitens das so konzipierte System der Einbettung in eine modernen Gesellschaft bedarf – dort sind die Hauptprobleme.
Vordergründig hat sich das mw-System in Eigensinn und Unsinn verselbständigt. Das ist aber nicht grundlos geschehen. Warum haben die Menschen denn diese Entkoppelung gebilligt. Dahinter steht ein Gedankenbett: Noch die ärgsten Marktideologen müssen davon überzeugt sein, das sei eine legitime Wirtschaftsordnung – die meisten sind marktgläubig und setzen voraus, dass der Staat diese Deregulierung machtvoll durchsetzen kann. Also auch die Liberalen vertrauen auf den Staat! Ein solches System muss etabliert sein, durchgesetzt werden mit Eigentums-, Haftungs- und Vertragsrechten. Unter ihrer Ägide ist die Rolle des Staates oft sogar explosionsartig gewachsen.
Der sozialdemokratische Kompromiss schien nach 1989 nicht mehr nötig, also durfte Kapitalismus hemmungsloser werden. Das ebnete dem Neoliberalismus den Boden. Nun nach 25 Jahren dieses Zeitgeists scheint er am Ende der Fahnenstange angekommen zu sein. Die Entbettung der Wirtschaft findet allerdings nicht staat, sondern gemäss de Weck eher die Übernahme der Gesellschaft durch die Wirtschaft. Der Hilfsbedürftige wird zum Klienten, zum Marktobjekt des Sozialarbeiters. Der wird damit nur vermeintlich geadelt. Diese Verkehrung der Verhältnisse, die Ökonomisierung von fast allem, allen Lebensbereichen und der ganzen Welt (Globalisierung), der Politik, die zum Verwalter der Sachzwänge wurde, die die Marktwirtschaft geschaffen hat. Der Standortwettbewerb, der immer auch ein Ordnungswettbewerb ist, hat das Seine dazu beigetragen.
Wettbewerb ist vielleicht auf politische Einheiten gar nicht anwendbar. Der Primat der Politik ist die vernünftige Vss. für jede Gestaltbarkeit der Wirtschaftsordnung, nur das ist vernünftig. Hat nicht dennoch das Geld immer die Macht, so de Weck? Entgegenhält Ulrich die Rolle der Ethik. Sie hat sicher nicht die Macht , Verhälntnisse zu ändern, nur Begriffe zu klären. Marktsteuerung ist nicht per se gut, weil Markt machtvoll ist als Beispiel. Denn er bildet Machtverhältnisse im Idealfall ab, jeder kann gut verhandeln, aber mehr liegt nicht drin. Die Mächtigen sind deshalb immer f¨ür Deregulierung, die Schwächeren reagieren skeptisch. Ausgleich ist zu suchen, wir brauchen dafür eine zivilisierte Marktwirtschaft, deren gutes Funktionierne gemessen wird, die sie für die civil society leistet. Freie und gleichberechtigte Bürger, ein urschweizerisches Ideal, das uns abhanden gekommen ist.
Wie kommen wir dorthin. Der Ethiker gibt durchaus Antworten: Eine gute Wirtschaftsordnung fällt nicht vom Himmel, also trägt jemand Verantwortung. In einer modernen Gesellschaft bilden die Bürger den Kern. Sie stehen vor Herausforderung, auch im Wirtschaftsleben den gleichen Bürgersinn gelten zu lassen, der sonst als normal gilt. Also das Nutzenstreben nicht abspalten, sondern integrieren. Demokratie und MW als Gegensatz also? Nein, wir sind einfach noch zu stark von Ideologien geprägt. Denn es ist nicht schwer klar zu machen, dass Lebensqualität sich nicht in Konsum erschöpft. Freiheit heisst nicht Konsumfreiheit, also herrscht Zuversicht, dass moderne Bürger ihre Rechte als zentral anschaut und nicht einfach Konsum.
Aber gerade HSG-Absolventen gehen doch diesen Weg? Der Einfluss der Uni hält sich in Grenzen vielmehr. Und es hat alle Arten von Denkmustern – vielleicht hat sich im Laufe der Jahre was verschoben. Die Jungen heute mit ihrer Offenheit übernehmen alte Doktrinen nicht einfach so (Wüstenhagens Erfolg). Aber wie im Velorennen gibt es Vorhut und Nachzügler. Wer heute das Sagen hat, repräsentiert die alte Denke. Die HSG hat immerhin Kontextstudium eingefügt mit grösserem Rahmen im Studium – 25% der Credits in geistes- und sozialwiss. Studiums zu erwerben – gegen das Fachidotentum.
Schon Sik hat nach drittem Weg gesucht, war aber Einzelgänger. Immer nur ein Mauerblümchen? Das stimmt so nicht mehr, ein Drittel der ProfessorInnen denken wie der hausinterne Wirtschaftsethiker. Vielleicht herrscht da auch selektive Wahrnehmung ausserhalb. Gerade Staatsrechtler haben noch Sinn für die Rangordnung der Dinge. Zuerst die Ethik, dann die Politik, dann erst die Ökonomie. Andernorts ist das natürlich anders. Moralphilosoph war auch Adam Smith. Von Fachökonomen wird immer nur der halbe Smith gelesen (Vom Wohlstand der Nationen). Er wurde Ökonom, weil er ein Problem der Moralphilosophie nicht lösen konnte. Wie das richtige tun?
Eine Marktgesellschaft ist der Feind des legitimen Marktes. Vielmehr muss MW eingebunden sein in Gesellschaft, die Risiko so mindern kann. Weniger Markt kann heissen mehr Gleichheit, geringere Blasenrisiken – das sind gesellschaftliche Ziele. Röpke sagte auch als Marktwirtschafter, Liberalismus ist nicht primär wirtschaftlich – sondern gesellschaftlich . Siehe Dänemark: Niemand soll aus gesell. Rahmen herausfallen, dann wird Markt entfesselt. Trotz hoher Staatsquote hoch wettbewerbsfähig, Flexicurity. CH ist mittlere Form mit ihrem basisdemokratischen Denken, das sich teils positiv niedersclhägt etwa in AHV, die eine Art Bürgerversicherung ist mit ihrer Minimalrente, die Hälfte des Maximums ist. «Solche stark bürgerrechtliche Traditionen sollten wir aus- nicht abbauen.»
Inti hier
Abschiedsvorlesung bei: Ulrich
© Oekonomedia
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