Posts mit dem Label Systemdiskussion werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Systemdiskussion werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 21. Dezember 2025

Ökonomische Einsichten 2026

  • Der Systemwettbewerb zwischen Kapitalismus und Sozialismus muss in diesen Jahren in neuem Licht gesehen werden. Wie auch immer man das chinesische Wirtschaftsmodell bezeichnen will, die Chinesen selbst scheuen auf jeden Fall nicht davor zurück, es weiterhin als sozialistisch zu bezeichnen - so muss festgehalten werden (wie es auch auf Facebook fortlaufend passiert), dass sich die Wirtschaft in China zumindest in den dessen Zentren unglaublich entwickelt hat in den letzten 20 Jahren - vielleicht sogar, dass es den Menschen langsam besser geht als in den kapitalistischen Zentren etwa der USA. Wohnungsboom und Wachstum der Automobilmärkte resp. deren Schwächen in den beiden Staaten zeugen unter anderem davon.

Sonntag, 12. Februar 2017

Ökonomische Einsichten in aller Kürze - 2017

Diese folgenden Einsichten bedürfen noch der Ausformulierung, seien hier als Ideenskizze festgehalten:

15.12.17: Die Revolution ist möglich - ein Essay, u.a. mit folgender Aussage: Das Projekt eines «Infrastruktursozialismus», der Bildung, Gesundheit, öffentlichen Nahverkehr und Energie für alle zur Verfügung stellt, wäre eine viel wirkungsvollere Strategie zur Durchsetzung der allgemeinen Teilhabe als das Grundeinkommen, über das heute so viel diskutiert wird und das uns dann doch nur als vereinzelte, vermeintlich freie KonsumentInnen zurücklässt > Woz 14.12.17.

24.10.17: Solange in der Schweiz die Arbeitszeiten so hoch sind und weil seit Jahren keine Reduktion mehr erfolgte, ist eine Beibehaltung des AHV-Alters 64/65 gerechtfertigt. Die längst fällige Reduktion der Arbeitszeiten wird aufgefangen durch eine weniger lange Lebensarbeitszeit - dabei hätten die Produktivitätsgewinne längst Arbeitszeitreduktionen auf unter 40h pro Woche gerechtfertigt.

1.10.17: Warum soll Zins gerechtfertigt sein, wo das meiste Geld im Umlauf Buchgeld ist und von Banken künstlich geschaffen wurde - also nicht auf Kredit erfolgt, der dem Ausleihen von Geld in Form von Münzen und Noten entspricht. Folgerung von Andrew Sayer in «Warum wir uns die Reichen nicht leisten können».  

21.7.17: Das scheint der Schlüssel zu sein, zu dieser leidigen und unbeantworteten Frage, ob uns denn nun die Arbeit ausgehe. Werner Vontobel hat es > hier Hören wir auf, der Arbeit hinterher zu rennen plausibel beantwortet: Nein sie geht uns nicht aus, aber die bezahlte Arbeit drohnt uns auszugehen! Weshalb eben doch die bezahlte Normarbeitszeit runter muss!

14.5.17: Würden Ökonomen das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens Ernst nehmen, müssten sie Umverteilung befürworten, da der Zusatznutzen unten grösser ist als oben! Idee beruhend auf Tim Jackson «Wohlstand ohne Wachstum - 2016», S. 97.

12.2.17: Die Schweiz ist eines der Länder mit den höchsten Leistungsbilanzüberschüssen weltweit (rund 10 Prozent des BIP). Das hat Donald Trump nur noch nicht gemerkt. Übertroffen wird sie nur von Singapur. Die Verhältniszahl für Deutschland und China ist demgegenüber viel kleiner. Und das grösste Defizit haben effektiv die USA - langfristig kann das so oder so nicht gut gehen. Die Schweiz hat aber seit Jahrzehnten in dieser Art profitiert (manager-magazin.de 12.2.17).

11.2.17: Chesney (u.a.) beklagt im TA vom 11.2.17 wieder mal das Wachstum, das so nicht weitergehen könne. Aber die naheliegende - und vielleicht einzige wirksame Massnahme dagegen - lässt er aussen vor. Angesichts wachstumstreibender und immerwährender Produktivitätsfortschritte kann man das Wachstum nämlich nur dadurch bremsen, dass gemäss Zunahme der Produktivität die Arbeitszeit zurückgefahren wird. Wer das wiederum angesichts zu tiefer Löhne  breiter Schichten für unmöglich erhält, sagt damit hinwiederum nur, dass Wachstum eben doch nötig ist.....

>>> Startseite Oekonomedia

Mittwoch, 27. Januar 2016

Ökonomische Einsichten in aller Kürze 2016

Diese folgenden Einsichten bedürfen noch der Ausformulierung, seien hier als Ideenskizze festgehalten:


19.10.16: Die Schweiz nutzt ihre ureigenen Rohstoffquellen zu wenig - das gilt natürlich für die Erneuerbaren Energien - sei es Sonne, Wind, Wasser oder Biomasse. Es gilt aber auch und insbesondere für Steine aller Art und für Holz - das hat jetzt auch die ETH Zürich eingesehen - siehe: Schweizer Holz wird zu wenig genutzt: Bessere CO2-Bilanz, nachhaltige Ressource - im Vergleich zu anderen Rohstoffen hat Holz viele Vorteile. Die ETH Zürich plädiert für mehr inländisches Holz als Baumaterial und Energiequelle > Handelszeitung 19.10.16.

14.7.16: In der Diskussion um Ungleichheit und höhere Steuern für die Reichsten taucht hierzulande wiederholt das Argument auf, die Reichsten zahlten ja schon 80 Prozent der Bundessteuern - so auch von Prof. Monika Bütler aus St.Gallen. Unerwähnt bleibt dabei, dass das bei den Einkommenssteuern ja nur den Bundesteil und nicht jene der Kantone betrifft und dass vor allem die Ärmeren über die Mehrwertsteuer eben doch einen grossen Obulus zu den Bundeseinnahmen beitragen, muss immerhin so um einen Drittel sein - siehe auch http://www.srf.ch/news/wirtschaft/die-belastung-mit-steuern-und-gebuehren-wird-voellig-unterschaetzt .

10.4.16: Dass der Homo oeconomicus endgültig nicht mehr das Mass aller Dinge und eben auch nicht das Paradigma der Ökonomie sein kann, zeigen die postkapitalistischen Strömungen, die Paul Masson in seinem Buch «Postkapitalismus» nachzeichnet - nun auch auf Deutsch erschienen. Denn all die Leute, die sich der Open Source Bewegung angeschlossen haben (Linux, Wikipedia etc) tun dies ja aus freien Stücken und ohne Entgelt - dabei müssten sie dem Mamon nachjagen und hätten dabei ja beste Chancen. 

29.3.16: Ich war früher tendenziell auch ein starker Befürworter des weltweit freien Handels - unterdessen zeigt sich an den Folgeerscheinungen - zb in sozialer Hinsicht - dass wir viel zu weit gegangen sind. Aktuell betrifft dies die neu verhandelten internationalen Abkommen wie TTIP für den Warenhandel und TISA für den Dienstleistungsaustausch - und natürlich für die weltweite Migrationswelle. Folgerichtig muss künftige Globalisierung oder eben die Fortschreibung des Welthandels:
  • Gleichgewichtig erfolgen
  • Alle vier Faktoren und eben nicht nur deren drei umfassen (Warenhandel, Austausch von Dienstleistungen, Kapitalströme, freier Personenverkehr)
  • Schrittweise erfolgen mit Schutz der jeweils schwächeren Partner wie dies Joseph Stiglitz vorschlägt - in dem diese etwa Liberalisierungschritte erst später vollziehen   
Zusammengefasst bedeutet dies: Künftige Globalisierung darf nur insoweit erfolgen, als auch der freie Personenverkehr gewährleistet ist - und soweit die Globalisierungsopfer angemessen entschädigt werden (neue Jobs!).  

2.2.16: Entwicklungszusammenarbeit ist Erfolgsgeschichte Die Entwicklungshilfe, oder Entwicklungszusammenarbeit steht im Zeichen fundamentaler Kritik. Zu Unrecht, wie dieser Beitrag zeigt. Wird Entwicklungshilfe nämlich als das betrachtet, was sie eigentlich darstellt, eine Spielart der Aussenpolitik, fällt die Bilanz wesentlich günstiger aus > oekonomenstimme.ch 2.2.16.

27.1.16: Im Hinblick auf die Nahrungsmittelspekulations-Initiative behaupten deren Gegner, wie etwa auch der CH-Bundesrat, es gäbe gar keine Spekulation. Die gleichen Kreise sehen bei den Währungsmärkten und der Überhöhung des CHF-Kurses eine spekulative Überhöhung des Preises aber durchaus als gegeben an. Wenn es also auf den Devisenmärkten Spekulation gibt, warum dann nicht auch auf den Agrarmärkten? Siehe dazu auch den Arena-Diskutanten Heiner Flassbeck in einem Blogbeitrag > hier.

>>> Startseite Oekonomedia

Mittwoch, 7. Oktober 2015

Einsichten in aller Kürze 2015

Längere Zeit herrschte hier Ebbe - was auch die mangelnde Fortentwicklung ökonomischer Gedankengänge reflektiert. Doch schliesslich kommt es auch in diesem Jahr zu Einsichten, etwa folgenden:

22.12.15 Volkswirtschaftliche Gesamtgrössen miteinander in Beziehung zu setzen, geschieht nicht immer. So argumentieren etwa Flassbeck (und Vontobel) einerseits, Schulden stünden immer Vermögen gegenüber - dann wären Leistungsbilanzüberschüsse von Deutschland etwa aber zumindest dann nicht so dramatisch, wenn die Importüberschüsse der Gegenpartei zum Aufbau von Vermögenswerten, also etwa von Infrastruktur dienten. Und Flassbeck stellt auch in Abrede, dass die Verschuldung eines Staates nicht in Beziehung zum BIP gesetzt werden dürfe, weil man bei persönlichen Schulden diesen auch das Vermögen gegenüberstelle - und dennoch achtet etwa eine Bank auf mein Einkommen, wenn sie mir für den Hauskauf (also für Vermögensbildung) eine Hypo gewährt. Zweimal wird von Flassbeck hier ungerechtfertigterweise die herkömmliche VW-Lehre kritisiert. Das gälte es zumindest zu differenzieren.

7.10.15 - Der Kapitalismus errodiert nicht wegen einer plötzlichen Revolution, sondern weil zunehmend der Preismechanismus versagt resp. seine ordnende Funktion verliert. Das sehen wir im Internet, das uns heute Information wie Unterhaltung gratis zur Verügung stellt. Damit verliert aber auch Arbeit und der Lohn für diese an Bedeutung und Steuerungskapazität. Ich kann dem nur beifügen: Mit der Einführung von Negativzinsen hat der Preismechanismus auch auf den Finanzmärkten seinen Einfluss verloren. Und im Energiesektor steht eine grosse Umwandlung mit dem Aufkommen unendlich verfügbarer Solarenergie vor der Türe. Weitere solche Gedankengänge finden sich auch im Buch «Postcapitalism» von Paul Mason, erschienen im Sommer 2015 und vorgestellt auf infosperber.ch.

>>> Startseite Oekonomedia

Dienstag, 26. August 2014

Was ist Wirtschaft ?

Zehn (hoffentlich) klärende Aussagen - aber auch offene Fragen zum wirtschaftlichen ABC, zusammengestellt im Rahmen der Kurse zur Allgemeinbildung (ABU) von Kursleiter Guntram Rehsche:

  1. Wirtschaft oder wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Decken wirtschaftlicher Bedürfnisse - also der Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen.
  2. Entsprechend definiert sich die gesamtwirtschaftliche Leistung eines Landes, das sogenannte Brutto-Inland-Produkt (BIP) als Gesamtheit aller Güter und Dienstleistungen, die in diesem Land im Laufe eines Jahres erarbeitet werden.
  3. Wirtschaft ist aber auch eine soziale Veranstaltung, weil Menschen mit Menschen in Interaktion treten. Solcher Austausch soll zwar zum gegenseitigen Nutzen geschehen - ist aber nicht frei von Konflikten.
  4. Doch werden nicht nur Güter und Dienstleistungen ausgetauscht, sondern es kommt auch zu sozialen Beziehungen mit all ihren Facetten. Dies ist am offensichtlichsten, wo Arbeitskräfte sich in den Dienst von Unternehmen stellen und dafür ein Entgelt - den Lohn - erhalten.
  5. Womit die einfachste Form des wirtschaftlichen Kreislaufs beschrieben ist - jener nämlich, beim Arbeit gegen Geld getauscht wird und für dieses Geld die Entlohnten wiederum die Güter bei den Unternehmen beziehen.
  6. Um den Realitäten gerecht zu werden, muss diese einfachste Beschreibung des wirtschaftlichen Kreislaufs erweitert werden um das praktisch immer beteiligte Bankensystem mit der Notenbank an der Spitze, um den Staat, der reguliert und auch konkret eingreift und schliesslich um alle Wirtschaftsakteure, die ausserhalb des Landes angesiedelt sind und doch mit diesem in Verbindung treten, also vereinfacht gesagt das «Ausland».
  7. In der klassischen Wirtschaftstheorie mit diesem Kreislaufmodell bleiben Natur und Umwelt aussen vor. Aber auch sie gehören zu dazu, ist doch wirtschaftliche Tätigkeit ohne die Güter der Natur einerseits, ohne Beeinträchtigung der Umwelt andererseits kaum je denkbar. Die Idee vom ökologischen Fussabdruck beschreibt, dass Wirtschaften künftig je länger je mehr auf die Natur Rücksicht zu nehmen hat (etwa auch durch Einbezug von Kosten bei Naturverbrauch), um langfristig das Leben überhaupt zu bewahren - dabei ist auch von Nachhaltigkeit die Rede.
  8. Alle derart am Wirtschaftsgeschehen Beteiligten treffen mit ihren Angeboten und ihrer Nachfrage praktisch oder virtuell aufeinander. Dafür hat sich der Begriff des Marktes herausgebildet - weswegen auch häufig von Marktwirtschaft die Rede ist. Das Signal, nach welchem sich Anbieter und Nachfrager bezüglich ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit richten, sind die Preise. In einem - niemals vorhandenen - idealen Marktsystem sorgt der Gleichgewichtspreis dafür, dass sich Angebot und Nachfrage ausgleichen, also bei gegebenem Preis weder zuviel produziert wird noch auf Seiten der Nachfrager eine Versorgungslücke besteht, welche mit dem verfügbaren Einkommen eigentlich zu decken wäre.
  9. Für das Verständnis des Wirtschaftsablaufs ist hier auf Dreierlei hinzuweisen:
    1. Um den Ablauf aufrecht zu erhalten, benötigen die Entlohnten genügend Geld, um die Produkte der Unternehmen auch zu kaufen - mit anderen Worten braucht es für ein Güter- (oder Diensteistungs-) Angebot immer auch die entsprechende Nachfrage.
    2. Eine Wirtschaft ohne staatliche Regulierung kann es nicht geben. Sie würde schnell in ein unbeherrschbares Chaos abdriften. Weil aber selbst die Gesetzes des Staates (auch: die Rahmengesetzgebung) wegen Marktversagen nicht ausreicht, greift der Staat stärker ein, z.B. mit Verboten oder beteiligt sich unmittelbar als Akteur in der Form des Angebots oder der Nachfrage von Gütern und Dienstleistungen.
    3. Bei wirtschaftlicher Tätigkeit sind die Beteiligten kaum je gleich stark - sogenannte Marktmacht führt etwa zu einer Verzerrung des Preissystems im Sinne der Bevorzugung der Anbieter, die gegenüber einem reinen Marktsystem erhöhte Preise durchsetzen können. Eine weitere Verzerrung signalisiert die ungleiche Einkommensverteilung.
  10. Das derart beschriebene Wirtschaftsmodell steht offensichtlich nur begrenzt in Einklang mit den beobachtbaren Realitäten des Wirtschaftsgeschehens:
    1. Auf dem Arbeitsmarkt signalisieren Arbeitslosigkeit und vor allem überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen (bis zu 25 Jahre), dass dieser Markt dem Bedarf nach Beschäftigung und damit Einkommen nur beschränkt gerecht wird.
    2. Die Verteilung der Einkommen (gemessen etwa in gruppenweisen Anteilen am Gesamteinkommen oder dem Gini-Index) verändert sich im Zeitablauf - und hat insbesondere in den vergangenen Jahrzehnten eine (je nach Land unterschiedliche) wachsende Ungleichheit hervorgebracht.
    3. Je nach konjunktureller Lage und Tätigkeit der Noten- (oder Zentral-) Bank verändert sich das gesamthaft beobachtbare Preisniveau. Bei generell steigenden Preisen (und damit drohendem Verlust von Kaufkraft) ist von Inflation oder bei generell sinkenden Preisen von Deflation die Rede.  
    4. Vergleicht man Staaten miteinander, so zeigt sich, dass sie trotz mehr oder weniger gleichem Verständnis von Wirtschaftstätigkeit diese sehr unterschiedlich erfolgreich abwickeln.
    5. Insbesondere ergeben sich im Weltmassstab grosse materielle Reichtumsunterschiede, die sich belegen lassen sowohl durch die unterschiedliche Höhe des BIP wie auch durch weitergehende Masse zur Beschreibung eines breiter verstandenen Wohlstandsbegriffs, etwa den Human Development Index (HDI als Mix von BIP, Alphabetisierung und Lebenserwartung).             

>>> Startseite Oekonomedia

Freitag, 13. Juli 2012

Umwelt-Kondratieff-Zyklus eingeleitet

Der Klimawandel sowie die Krisen rund um die Energieversorgung deuten auf eine Welt im Umbruch hin: Wie eine aktuelle Studie von Allianz Global Investors zeigt, wird der zunehmende Handlungsdruck die Wirtschaft in nahezu allen Bereichen verändern. Die Welt steht am Beginn des sechsten Kondratieff-Zyklus, der durch einen nachhaltigen "grünen" Wachstumspfad gekennzeichnet sein dürfte.

Die Finanz- und Schuldenkrise wird die globalen Märkte wohl noch auf absehbare Zeit begleiten. Sie könnte aber auch gleichzeitig eine Phase des Umbruchs markieren, wie sie der russische Ökonom Kondratieff charakterisiert hat. Eines Umbruchs, in dem alte Industriezweige durch neue verdrängt werden. "Unter den veränderten Voraussetzungen von Globalisierung, demografischer Entwicklung, Klimawandel, knappen Ressourcen sowie einem stärkeren Umwelt- und Verantwortungsbewusstsein der Konsumenten wird Wachstum künftig vermutlich aus einer neuen Mischung von Ökonomie und Ökologie generiert", kommentiert Martin Bruckner, Vorstand der Allianz Investmentbank AG, die Ergebnisse der aktuellen Allianz Global Investors Studie.

Fünf Kennzeichen leiten eine Trendwende zu einem neuen Kondratieff-Zyklus ein: Das Nutzungspotenzial einer alten Basisinnovation ist erschöpft, es gibt einen hohen Überschuss an Finanzkapital, die Wirtschaft befindet sich in einer starken Rezessionsphase, es kommt zu sozialen und institutionellen Veränderungen und volkswirtschaftliche Engpässe werden durch neue Technologien gelöst. Wie die aktuelle Studie zeigt, scheinen alle Kriterien auf die aktuelle Finanz- und Staatsschuldenkrise zuzutreffen: Der Produktivitätsschub der Informationstechnik, die 1941 mit der Erfindung des Computers "Z3" ihren Ursprung hatte, scheint langsam auszuklingen. Ein noch schnelleres Notebook beispielsweise macht die Arbeitsprozesse nicht mehr sehr viel produktiver.

Auch war die Wirtschaft bis 2007, vor dem Ausbruch der Finanzkrise,
von einem Überschuss an Finanzkapital geprägt. Anleger suchten auf ihrer Renditejagd nach Anlagealternativen, die sie größtenteils in kreditfinanzierten US-Immobilien oder in Finanzderivaten fanden. Hinzu kamen die Liquiditätsspritzen der Zentralbanken und der Staaten. Die Staaten ließen Konjunkturpakete vom Stapel, um die ökonomische Kernschmelze zu verhindern. Folge: Die ohnehin schon defizitären Haushalte rutschten noch weiter in die roten Zahlen.

Im Zuge dieser Entwicklungen kam es in den letzten Jahren zu neuen Formen unternehmens- und länderübergreifender Kooperation in vielen Feldern des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Handelns. Ebenso wird derzeit an einer globalen ordnungspolitischen Finanzarchitektur gearbeitet, die das Fundament für ein nachhaltiges Wirtschafts- und Finanzsystem bilden soll. Gleichzeitig halten immer mehr ökologische und sozialgesellschaftliche Aspekte Einzug in Unternehmens- und Investitionsentscheidungen. Schließlich verdeutlichen die jüngsten Krisen, dass der sicheren Versorgung mit Rohstoffen und Energie eine immer größere Bedeutung beigemessen werden sollte.

Während in den bisherigen Wirtschaftszyklen der letzten 200 Jahre primär der Faktor Arbeit der ökonomische Engpassfaktor war, dürften im 21. Jahrhundert die immer knapper werdenden Rohstoff- und Energieressourcen die Schlüsselfaktoren der Wirtschaft sein. Folglich dürfte nicht mehr ausschließlich die Steigerung der Arbeitsproduktivität, sondern vor allem die Steigerung der Ressourcen- und Energieproduktivität die Kraftquellen des nächsten Zyklus charakterisieren. Gerade der Umstieg auf erneuerbare Energien zeige, dass künftiges Wachstum weniger verbrauchend als vielmehr regenerierend sein wird. "Gerade das Jahr 2011 hat uns vor Augen geführt, dass es anders als früher nicht mehr vorrangig darum geht, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu produzieren - ohne Rücksicht auf die Belastung der Verschuldungssalden und der Umwelt", so Bruckner. Erste Schritte, Umwelt mit einem Preis auszustatten, seien bereits unternommen worden. So habe sich die Anzahl der Länder mit politischen Zielen zum Ausbau erneuerbarer Energien oder ähnlichen Regelungen zwischen 2005 und 2011 von 55 auf 119 Staaten mehr als verdoppelt. Erstaunlich dabei: Über 50 Prozent hiervon sind Schwellenländer.

Die Basistechnologien, die nach Kondratieffs Diktion für den Start eines neuen Langfristzyklus notwendig sind, sind der Studie zufolge größtenteils bereits vorhanden.
Sie resultieren aus der Kombination des Bereichs der Informationstechnologie mit dem der "grünen" Märkte. Beispiele hierfür seien der Übergang zu erneuerbaren Energien, die Nutzung von Energiespeichern und Smart-Grid-Systeme ("intelligente Stromnetze"). Die "Green Tech"-Märkte insgesamt werden viele klassische Industriezweige wohl deutlich hinter sich lassen, weil die Nachfrage nach erneuerbaren Energien, modernen Umwelttechnologien, nachhaltiger Wasserwirtschaft, Recycling und effizienteren Antriebstechniken steigen sollte.

Schätzungen zeigen, dass die Leitmärkte der Umwelttechnik bereits 2010 ein weltweites Umsatzvolumen von rund 1,7 Billionen US-Dollar auf sich vereinten. Bis ins Jahr 2020 dürften es rund 3,2 Billionen US-Dollar sein, was einem überdurchschnittlichen Wachstum von 6,5 Prozent p.a. entsprechen würde. "Als Investoren mit längerfristiger Perspektive - durchaus im Sinne des Umweltschutzes - sollten wir die Welt mit den Augen Kondratieffs sehen und unseren Blick in die Zukunft richten. Ein neuer Wohlstandszyklus durch symbiotisches Wachstum kann vor der Tür stehen", so Bruckner abschließend.

Quelle: Allianz / oekonews.at

>>> Startseite Oekonomedia

Mittwoch, 9. November 2011

D: Sinkende Reallöhne nachgewiesen

Die Firmen knausern, die Deutschen verlieren an Kaufkraft: Laut einer Studie ist das durchschnittliche Monatseinkommen im vergangenen Jahrzehnt real um 93 Euro geschrumpft. Der Trend hält an - und das liegt nicht nur am Billiglohn-Boom.

Es ist die Kehrseite einer Erfolgsgeschichte: Zwar ist Deutschland besser durch die jüngste Krise gekommen als jedes andere europäische Land. Der Arbeitsmarkt boomt, den Firmen fehlen sogar Lehrlinge. Doch von den Erfolgen haben die Arbeitnehmer wenig gehabt: Eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt, dass die Löhne im letzten Jahrzehnt geringer stiegen als die Inflation, also die Lebenshaltungskosten. Betroffen sind nahezu alle Einkommensgruppen.

Laut den DIW-Berechnungen konnten lediglich die obersten zwei Zehntel der Beschäftigten ein leichtes Plus bei den realen Bruttomonatslöhnen verzeichnen. Im Durchschnitt gingen diese im vergangenen Jahrzehnt um 4,2 Prozent zurück (siehe Tabelle). Das heißt: Im Schnitt hatten die Deutschen pro Monat 93 Euro weniger in der Tasche. Auch die um die Inflation bereinigten Stundenlöhne stagnierten im letzten Jahrzehnt (siehe Bilderstrecke). Laut Karl Brenke, dem Co-Autor der Studie, ist keine grundsätzliche Änderung des Trends absehbar. Zwar hätten Arbeitnehmer im zweiten Quartal 2011 verstärkt Lohnerhöhungen durchsetzen können. "Aber der größte Teil davon sind Einmalzahlungen, der Trend nach oben bleibt schwach."

Warum schrumpfen Reallöhne selbst in Zeiten des Aufschwungs? Eine mögliche Erklärung ist, dass Arbeitgeber zunehmend Niedriglöhne zahlen. Tatsächlich hat der Niedriglohnsektor laut den Autoren bis 2006 an Bedeutung gewonnen, entsprechend entwickelten sich die Löhne von Geringverdienern bis Mitte des vergangenen Jahrzehnts besonders schlecht.

Doch das kann nicht die ganze Erklärung sein. Denn in den vergangenen Jahren wuchs der Niedriglohnsektor kaum noch. Stattdessen mussten laut der Studie in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts "fast alle Arbeitnehmer real sinkende Monatsverdienste hinnehmen, nur die Höchstverdiener nicht". Die Lohnentwicklung sei für Frauen wie für Männer ungünstig gewesen, bei Vollzeitstellen ebenso wie bei Teilzeitkräften und sowohl bei einfacher Arbeit als auch bei Tätigkeiten, die ein Studium voraussetzen.

Dieser breite Trend lässt sich den Autoren zufolge auch nicht mit einer Veränderung der Beschäftigungsstruktur erklären - im Gegenteil: Ohne die gestiegenen Anforderungen an die Qualifikation von Arbeitnehmern wären die Löhne vermutlich noch schlechter ausgefallen. Der Hauptgrund für die Entwicklung ist den Forschern zufolge ein anderer: Entscheidend sei gewesen, "dass es flächendeckend zu keinen Lohnanhebungen kam". Anders gesagt: Die Arbeitgeber waren zu knauserig, die Beschäftigten zu bescheiden.

Diese Zurückhaltung bei Löhnen gilt freilich auch als entscheidender Grund dafür, dass Deutschland in den vergangenen Jahren wettbewerbsfähiger wurde und die Krise vergleichsweise gut bewältigte. DIW-Forscher Brenke hält die Konkurrenz aus dem Ausland aber für kein generelles Argument gegen Lohnerhöhungen. "Schließlich stehen nicht alle Branchen im internationalen Wettbewerb."

Zudem führt die bescheidene Entwicklung der Reallöhne laut Brenke zu einer Schwächung des privaten Konsums in Deutschland. Den wiederum kritisieren zunehmend andere EU-Länder. Denn der schwache Konsum in Deutschland gilt als ein Grund dafür, dass es innerhalb Europas zu großen wirtschaftlichen Ungleichgewichten kam. Anders gesagt: Hätten die Deutschen mehr Waren aus dem Ausland gekauft, stünden Griechenland, Portugal und Co. zumindest ein wenig besser da.

Quelle: David Böcking / Spiegel Online

^^^^

Mittwoch, 14. September 2011

Wie Finanzsektor Politik erpresst

Die Politik wähnte sich mächtig, als sie vor drei Jahren die US-Investmentbank Lehman Brothers pleitegehen ließ. Ein fataler Irrtum. Die Finanzkrise hat gezeigt, wie sehr das Wohl der Staaten an ihren Banken hängt - und dass Regierungen den Märkten nur hinterherhecheln. Gerade jetzt in der Euro-Krise. Eine Spiegel-Online-Analyse.

Henry Paulson muss sich stark fühlen an jenem 15. September 2008. Der US-Finanzminister hat eine schwere Entscheidung zu treffen: Zweimal ist er bereits mit Staatsgeldern eingesprungen, um strauchelnde Banken zu retten: bei der Investmentbank Bear Stearns sowie bei den Immobilienfinanzierern Fannie Mae und Freddie Mac. Nun steht Lehman Brothers vor der Pleite - die viertgrößte Investmentbank an der New Yorker Wall Street. Keiner der Konkurrenten will das Institut übernehmen. Nur noch Paulson kann helfen.

Der Minister war früher selbst Chef einer Investmentbank. Erst vor kurzem ist er von Goldman Sachs auf die Seite der Politik gewechselt. Nun will er ein Zeichen setzen: Die Regierung ist stärker als die Finanzwelt. Sie hat es in der Hand, einen Giganten wie Lehman Brothers zu retten oder ins Verderben zu schicken. Paulson lässt die Bank fallen. Die Pleite von Lehman Brothers sollte eine Machtdemonstration der Politik werden - am Ende wurde daraus das Eingeständnis ihrer Machtlosigkeit.

Paulsons fatale Entscheidung liegt nun drei Jahre zurück. Doch sie bewegt die Finanzwelt bis heute. Denn das, was nach Lehman kam, war eine ökonomische Katastrophe: Die halbe Weltwirtschaft erstarrte vor Schreck. Banken in Europa und den USA liehen sich untereinander kein Geld mehr. Um ein noch größeres Desaster zu vermeiden, mussten die Staaten gleich reihenweise mit Steuergeldern einspringen. Die Volkswirtschaften der westlichen Welt stürzten in die Rezession. Und die Staaten türmten enorme Schuldenberge auf - eine der Hauptursachen für die aktuelle Euro-Krise und die Haushaltsmisere in den USA.

Vor allem aber ist seit Lehman klar: Viele Banken sind so groß, dass die Regierungen sie nicht pleitegehen lassen können. Im Umkehrschluss hieß das: Die Finanzriesen haben eine Überlebensgarantie. Die Politik ist erpressbar. Seitdem wurde viel geredet. Über das "Primat der Politik", das es wiederherzustellen gelte. Eine "Ära der Verantwortungslosigkeit" werde beendet, jubelte Bundeskanzlerin Angela Merkel nach einem der vielen internationalen Krisengipfel. Doch geschehen ist seitdem wenig.

Drei Jahre nach der Lehman-Katastrophe kündigt sich das nächste Bankenbeben an. Wie damals trauen die Geldhäuser sich gegenseitig nicht mehr über den Weg - und auch die Investoren haben die Zuversicht verloren: Seit Anfang August rauschen die Aktienkurse nach unten. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann sieht sich bereits an den Herbst 2008 erinnert. Die Politik hat es versäumt, sich aus ihrer Abhängigkeit von der Finanzwelt zu lösen. Noch immer sind die Banken "too big to fail" - zu groß, um pleitezugehen. Auch deshalb müssen die Regierungen Europas all die Hilfspakete für Griechenland, Portugal oder Irland schnüren: Um ihre eigenen Banken zu retten, die haufenweise Staatsanleihen der Krisenländer in ihren Bilanzen haben.

Die Euro-Krise zeigt besonders deutlich, dass die Regierungen zu Getriebenen der Finanzmärkte geworden sind. Ob Notkredite, Rettungsschirme oder Anleihenkäufe - die Märkte bekommen, was sie wollen. Und die Politik wirkt umso machtloser, je länger sie sich gegen das Unvermeidliche zu sträuben versucht.

Doch wer ist Schuld an der prekären Lage? Stecken hinter den Finanzmärkten böse Mächte, die es sich zum Ziel gesetzt haben, die Politik zu unterwerfen? Schon im Mai 2008, vier Monate vor dem Lehman-Desaster, sprach der damalige Bundespräsident Horst Köhler von den Finanzmärkten als "Monster", das in seine Schranken gewiesen werden müsse. Was Köhler damals weitgehend verschwieg: Die Politik hatte dieses Monster selbst erst gezüchtet.

Deregulierung hieß die Devise von den achtziger Jahren bis zum Jahr 2007: In den USA unterschrieb der damalige Präsident Bill Clinton 1994 ein neues Bankengesetz, das Instituten erlaubte, im ganzen Land tätig zu werden. 1999 hob er die seit mehr als 60 Jahren geltende Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken auf. Hinzu kam seit Anfang der neunziger Jahre eine laxe Geldpolitik der US-Notenbank Fed, die die Finanzwelt mit billigen Krediten fütterte.

Auch Deutschland setzte voll auf die Entfesselung der Bankenbranche: "Die gewaltigen Potentiale des deutschen Finanzmarktes" müssten vollständig ausgeschöpft werden, schrieb das Bundesfinanzministerium noch 2005 auf seiner Internetseite. Dabei rühmte sich das damals noch SPD-geführte Ministerium: "Die Bundesregierung hat es Kreditinstituten erleichtert, Kreditforderungen zu verbriefen" - eine Praxis, die damals in den USA so extensiv betrieben wurde, dass sich daraus zwei Jahre später, im Jahr 2007, die erste Stufe der Weltfinanzkrise entwickelte.

Da war das Monster längst so groß geworden, dass die Politik es nicht mehr einfangen konnte. Von nun an diktierten die Finanzmärkte den Regierungen, was diese zu tun und zu lassen haben. Die Bankenrettungen im Herbst 2008 machten die neuen Machtverhältnisse lediglich für alle sichtbar. Märkte haben keine Moral. Woher auch? Sie bestehen aus einer Masse von Individuen, die alle nach dem für sie größten Gewinn streben. Deshalb darf auch niemand von ihnen erwarten, dass sie moralisch handeln und zum Beispiel freiwillig Griechenland vor der Pleite retten. Es ist vielmehr an der Politik, den Rahmen für die Marktteilnehmer so zu setzen, dass in der Summe kein Schaden für die Allgemeinheit entsteht.

Doch dazu müsste die Politik erst einmal wieder die Hoheit über ihr eigenes Handeln gewinnen. Wie das gehen soll, weiß momentan niemand so recht. Die bisherigen Versuche verliefen ernüchternd: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble setzte im August zwar durch, dass sich private Banken und Versicherungen mehr oder weniger freiwillig am neuen Rettungspaket für Griechenland beteiligen. Doch der Coup droht zum Flop zu werden, wenn die angekündigte Beteiligungsquote von 90 Prozent nicht erreicht wird.

Auch sonst ist die Politik kaum vorangekommen bei dem Versuch, sich von Banken und Finanzmärkten zu emanzipieren. Die geplante Bankenabgabe fällt so niedrig aus, dass sie das Kräfteverhältnis kaum umkehren wird. Und ob die von einigen Ländern Europas angepeilte Finanztransaktionssteuer jemals kommen wird, steht in den Sternen - zu schwierig ist es, so viele verschiedene Staaten politisch auf eine Linie zu bringen.

Um wenigstens ein bisschen Stärke zu demonstrieren, versuchen es einzelne Staaten immer wieder mit hektischen Alibi-Aktionen wie dem Verbot von Leerverkäufen. Doch zähmen können sie die Märkte damit kaum: Obwohl seit August in Frankreich ein Leerverkaufsverbot für Bankaktien gilt, rauschen die Kurse von BNP Paribas oder Société Générale ungebremst nach unten.

Ein wenig Hoffnung macht lediglich die geplante Verschärfung der Eigenkapitalvorschriften. Um künftige Krisen besser ohne Staatshilfe auffangen zu können, sollen vor allem Großbanken dazu verpflichtet werden, ihr Eigenkapital zu stärken. Ganz ohne staatliche Hilfe werden sie im Notfall aber wohl trotzdem nicht auskommen.

Der nächste Test für das Machtverhältnis zwischen Märkten und Politik könnte der Fall Griechenland sein. Doch bei genauerem Hinsehen ist auch dieser Kampf schon entschieden. Selbst wenn sich Europas Regierungen dazu durchringen sollten, das schuldengeplagte Land pleitegehen zu lassen, dürfte dies ein Sieg für die Finanzwelt sein. Durch die Rettungspakete von EU und IWF sowie die Anleihenkäufe der Europäischen Zentralbank liegt der Großteil der griechischen Schulden nämlich längst bei der öffentlichen Hand. Die größten Risiken einer Pleite tragen also die Steuerzahler und nicht die Banken. Die Politik wird wohl noch eine ganze Weile eine Getriebene der Märkte bleiben.

Quelle: Spiegel Online

^^^^

Mittwoch, 10. August 2011

Finanzpolitisches Märchen

Seit Ausbruch der Kreditkrise 2008 sind viele Dinge passiert, die nach gängiger Meinung eigentlich gar nicht passieren können, schreibt Valentijn van Nieuwenhuijzen von ING Investment Management in seiner neusten Stellungnahme - eine höchst ungewöhnliche Sicht aus Bankenkreisen.

Und doch: Immobilienpreise können fallen, die Risikobewertungen von Banken, bankenähnlichen Institutionen sowie von Rating-Agenturen können weit daneben liegen, die Konjunktur ist gegen Depressionen nicht gefeit und Staatspapiere aus Industrieländern sind nicht risikolos. Die anhaltende Finanzkrise, die sich in der aktuellen Staatsschuldenkrise fortsetzt, hat gezeigt, dass all unsere wirtschafts- und finanzpolitischen Instrumente samt der ihnen zugrunde liegenden wissenschaftlichen Theorien den Konjunkturzyklus nicht effektiv regeln und destabilisierende Erschütterungen des Systems nicht verhindern können. Letztendlich sind wir unsanft aus unserem Traum einer „Grossen Mässigung“ im weltwirtschaftlichen System erwacht und sehen uns jetzt einer Welt mit weniger – und schwankungsanfälligerem – Wachstum gegenüber.

Valentijn van Nieuwenhuijzen, Head of Strategy, Strategy and Asset Allocation Group bei ING Investment Management fordert konjunkturstützende Massnahmen.









Vor diesem Hintergrund waren die letzten drei Jahre für Märkte, politische Entscheidungsträger, Wirtschaftswissenschaftler und sonstige Experten von Fassungslosigkeit und Verwirrung geprägt. Tiefgreifende Überzeugungen standen auf dem Prüfstand; schnelles Handeln und wirtschaftspolitisches Umdenken waren gefordert, um die schlimmsten Auswüchse zu verhindern. Und noch haben sich Konsternation und Bestürzung angesichts der neuen wirtschaftlichen Realität nicht gelegt.

Bei Bilanzproblemen besteht häufig der Irrglaube, dass die Schuldenlast an einer Stelle nicht durch Verschuldung an anderer Stelle gelöst werden kann. Wenn dies auch auf den ersten Blick als nachvollziehbar erscheint, wird dabei vergessen, dass Schuldenprobleme in erster Linie Probleme der Verteilung sind und nicht eine höhere Verschuldung insgesamt für jeden Einzelnen bedeutet. Um es mal salopp auszudrücken: Was dem Einen seine Schulden, das ist dem Anderen sein Guthaben.

Starke bilanzielle Ungleichgewichte zwischen Sektoren und Ländern schaffen indes Schuldenprobleme, indem überschuldete Akteure (wie die Verbraucher in den USA und Grossbritannien, Banken, EWU-Peripheriestaaten) unter Druck geraten, während zugleich Ungewissheit entsteht, die die Ausgabenfreude der liquiden Player (Unternehmen, europäische Kernländer, Japan, Emerging Markets) dämpft. Letzteres ergibt sich aus den trüben Aussichten für die Nachfragesituation beziehungsweise den unüberschaubaren Kontrahentenrisiken im System infolge hoher Schuldenkonzentrationen.

Wenn innerhalb eines Wirtschaftssystems alle versuchen zu sparen und ihre Ausgaben drosseln, dann sinkt die Nachfrage, die Wirtschaftsleistung schrumpft und die Einkommen fallen. Dadurch werden die Schuldenungleichgewichte jedenfalls nicht verschwinden. Eine der Besorgnis erregendsten Konsequenzen der anhaltenden Finanzkrise – und hier seien insbesondere die Subprime-Krise in den USA und die griechische Staatsschuldenkrise genannt – ist die verbreitete Annahme, dass der einzige Weg aus der Krise über simultane Einsparungen führt. Das kann nur dann funktionieren, wenn diejenigen, die keine Schulden haben, die Einsparungen durch Konsum wettmachen. Ist das nicht der Fall, so lässt sich ein Double-Dip kaum vermeiden.

In der Hoffnung, einen solchen Rückfall in die Rezession abzuwenden, nehmen manche an, dass die Wirtschaftsleistung durch staatliche Sparmassnahmen sogar angekurbelt werden könne. Durch Förderung des Geschäftsklimas soll die Tätigkeit des Privatsektors beflügelt werden. Aus der Vergangenheit wissen wir jedoch, dass staatliche Sparmassnahmen nur dann von beschleunigtem Wirtschaftswachstum begleitet werden, wenn sinkende Risikoprämien an den lokalen Staatsanleihemärkten, eine erheblich an Wert verlierende Währung, eine starke ansteigende Auslandsnachfrage oder ein Zusammenspiel dieser Elemente Ausgleich schafft. Selten kommt es ohne einen dieser Faktoren zu deutlichen Stimmungsverbesserungen in der Wirtschaft oder bei Privaten.

Die meisten Länder, die bereits Sparmassnahmen ergriffen haben oder ihren Einsatz erwägen, haben scheinbar Schwierigkeiten, eine solche Dynamik anzustossen. Von der griechischen Tragödie traumatisiert, behaupten zahlreiche Experten, dass umgehende Sparmassnahmen nicht nur für Griechenland, sondern auch für Länder ohne drängende Finanzierungsrisiken oder Druck an den Anleihemärkten geboten seien, um ihre Staatsfinanzen in den Griff zu bekommen. In diese Kategorie fallen die europäischen Kernländer, aber auch Grossbritannien, Japan und die USA. All diese Länder sehen sich zwar langfristig Solvenzproblemen gegenüber, doch diese Herausforderungen ergeben sich in erster Linie aus den demografischen Trends und den damit verbundenen Gesundheits- und Pensionskosten. Hier spielen zudem überzogen optimistische Annahmen zur Kostendämpfung im Gesundheitssektor und zur Entwicklung der Anlagerenditen (Rentenkassen) eine Rolle. In jedem Fall handelt es sich um langfristige Problemstellungen.

Die enormen Haushaltsdefizite, mit denen viele dieser Länder heute kämpfen, sind überwiegend Folge der schwersten Rezession seit der Grossen Depression und der nur sehr schleppend vonstatten gehenden Erholung. Gleichzeitig ist ein grosser Teil des Privatsektors entweder nicht in der Lage (bilanzielle Beschränkungen) oder nicht bereit (mangelndes Vertrauen in künftige Nachfrageentwicklung), seine Ausgaben zu steigern. Ohne kurzfristige Konjunkturförderung ist es daher unwahrscheinlich, dass sich die Wachstumsaussichten auf wundersame Weise verbessern, es sei denn, dass sich die fiskalpolitischen Fabeln diesmal als wahr erweisen.

Die realistischste wirtschaftspolitische Herangehensweise wäre daher, sich nicht auf die konjunkturell heilsamen Effekte eines Sparkurses zu verlassen, sondern kurzfristige Konjunkturförderung mit einer glaubwürdigen langfristigen Restrukturierung der Finanzierungslücke bei Gesundheits- und Rentenkassen zu kombinieren. Setzt man sein Vertrauen dagegen auf die gute Märchenfee und hofft, dass liquide Unternehmen aus Freude am Sparkurs endlich damit beginnen, neue Arbeitsplätze zu schaffen und zu investieren, dann beisst sich die Schlange unweigerlich in den Schwanz. Dies wurde bereits am Beispiel Griechenlands vorexerziert, wo drastische Sparmassnahmen die heimische Wirtschaft derartig untergraben haben, dass die Staatseinnahmen eingebrochen und infolgedessen die Ziele der fiskalischen Konsolidierung verfehlt wurden.

Aber auch die Aussichten für die USA, die Eurozone und Grossbritannien sind nicht gerade umwerfend. Trotz der enttäuschend langsamen Konjunkturerholung in diesen Ländern geht es bei der fiskalpolitischen Debatte nur um das Ausmass der fiskalpolitischen Straffung auf kurze Sicht und nicht etwa darum, ob eine solche Straffung überhaupt stattfinden sollte. Wie gesagt müssen sich all diese Volkswirtschaften ihren langfristigen Solvenzproblemen stellen. Das sollte jedoch durch langfristig angelegte Massnahmen geschehen, die sich in den nächsten 12 bis 18 Monaten nicht belastend auf das Wachstum auswirken. Daran fehlt es bislang jedoch und deshalb sind die Wachstumsrisiken für die nahe Zukunft gestiegen. Hoffen wir, dass die politisch Verantwortlichen schnell genug auf den Boden der Tatsachen zurückfinden, um einen neuen Abschwung zu stoppen. Hoffnung ist momentan alles, was uns bleibt, denn alle Anzeichen deuten in die andere Richtung.

Quelle: Fondstrends

^^^^

Freitag, 20. Mai 2011

Neues Antlitz der Ökonomie

Wirtschaftswissenschaftler aus aller Welt haben die «World Economic Association» gegründet. Ihr Ziel: Gegen den orthodoxen Mainstream an Wirtschaftsfakultäten anzukämpfen. Junge Wissenschaftler sollen sich nicht von den Dogmen der orthodoxen Wirtschaftswissenschaft leiten lassen.

Ökonomen, die gegen die Dogmen der modernen Wirtschaftswissenschaften andenken, haben in der Fachwelt einen schweren Stand: Wer sich nicht den Konventionen anpasst, hat wenig Chancen, Publikationen in renommierten Journals zu landen. Und wer nicht in renommierten Journals publiziert hat, erhält an einer renommierten Universität keinen Lehrstuhl. Um diesen Missstand zu beheben und ihren Ansichten mehr Gehör zu verschaffen, haben alternative Ökonomen diese Woche die «World Economic Association» (WEA) gegründet – eine Vereinigung für all jene, die einen realitätsnahen, pluralistischen, partizipativen und demokratischen Wissenschaftsbetrieb befürworten. Am Montag wurde die Gruppe offiziell ins Leben gerufen, mittlerweile zählt sie bereits über 3000 Mitglieder.

Einer der Initiatoren der neuen Vereinigung ist Edward Fullbrook, der an der University of the West of England lehrt. Fullbrook schreibt seit geraumer Zeit gegen den ökonomischen Mainsream an – dementsprechend tragen seine Bücher Titel wie «A Guide to What's Wrong with Economics» oder «Pluralist Economics». Nebenbei führt der britische Ökonom das Journal «Real-world economics review», das nun zu einem wichtigen Sprachrohr der World Economic Association werden soll.

Die Vereinigung sei aus dem Wunsch nach Vielfalt heraus entstanden, sagt Fullbrook auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnetz: «Die Finanzkrise hat gezeigt, dass das dominierende Verständnis der Wirtschaft sehr begrenzt ist. Die meisten der Leute, die vor der Krise gewarnt haben, waren unkonventionelle Ökonomen, deren Blick auf die Realität nicht durch die neoklassische Brille verstellt war.» Was man heute brauche, sei eine wissenschaftliche Organisation, die nicht nur an amerikanischen Problemstellungen interessiert sei, sondern eine globale Ausrichtung verfolge.

Ein Blick auf die Webseite der WEA zeigt, dass es der Organisation ernst ist mit diesem Vorhaben. Zu den Gründungsmitgliedern zählen Ökonomen aus fünf Kontinenten und 42 Ländern. Unter ihnen sind auch einige wissenschaftliche Schwergewichte wie Dani Rodrik («Das Globalisierungs-Paradox») und Richard C. Koo («The Holy Grail of Macroeconomics»), aber auch Wirtschaftsjournalisten wie der Keynes-Biograph Robert Skidelsky und der Autor des Buches «Ökonomie 2.0», Norbert Häring.

Auch der Fribourger Wirtschaftsprofessor Sergio Rossi ist als Gründungsmitglied der Vereinigung aufgeführt. Die Chancen der WEA, im Wissenschaftsbetrieb etwas zu bewegen, schätzt er vorsichtig ein: «Die orthodoxe Lehre hat heute ein Quasi-Monopol an Universitäten und in politischen Beratungsgremien inne. Junge Wissenschaftler werden dazu gezwungen, sich nach den herrschenden Paradigmen zu richten, wenn sie in ihrer Karriere vorankommen möchten.» Zu den Dogmen, die von unorthodoxen Wirtschaftswissenschaftlern scharf angegriffen werden, gehört zum Beispiel die «efficient-market hypothesis». Diese Hypothese besagt, dass Finanzmärkte Informationen effizient verarbeiten und somit niemand in der Lage sein müsste, dauerhaft überdurchschnittliche Gewinne zu erzielen – eine wahnwitzige Annahme, nach Ansicht vieler alternativer Ökonomen. Auch für die Blasenbildung an Finanzmärkten hält die Effizienzmarkthypothese keine befriedigende Erklärung bereit.

Ein weiterer Dorn im Auge der WEA-Ökonomen ist die Theorie der komparativen Kostenvorteile, die den internationalen Handel und die daraus entstehenden Spezialisierungsgewinne erklärt. Als problematisch wird dabei weniger die Theorie selbst angesehen (denn diese ist mathematisch hieb- und stichfest formuliert), sondern vielmehr die Tatsache, dass sie von Befürwortern des Freihandels zur alleinigen Leitlinie der internationalen Handelspolitik gemacht wird. Dass gerade Entwicklungsländer eher eine behutsame als eine radikale Öffnungsstrategie verfolgen sollten, wird im Licht von komparativen Kostenvorteilen häufig ausgeblendet.

Doch die WEA möchte nicht nur Kritik an bestehenden Lehrmeinungen zur Sprache bringen, sondern die Wirtschaftswissenschaft auch konstruktiv weiterführen – zum Beispiel, indem es dem Thema Nachhaltigkeit einen wichtigen Stellenwert in ihren Journals einräumt. Eine brennende Frage aus der Sicht der «grünen» Ökonomie ist dabei die folgende: Wie muss die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts organisiert sein, damit sie ihre eigenen Grundlagen nicht zerstört?

Quelle: Tagesanzeiger.ch/Newsnetz

^^^^

Montag, 11. Oktober 2010

USA mit kurzem Gedächtnis

Haben die USA aus der Finanzkrise gelernt? Das Gegenteil ist wahr, sagt Filmemacher Charles Ferguson. Seine brillante Dokumentation "Inside Job" zeigt, wie Wall Street und Regierung schon wieder gemeinsame Sache machen. Das Fatale: Niemand protestiert dagegen, wie Spiegel Online berichtet.

Es ist eine fast intime Soiree. Gerade mal neun Zuschauer verlieren sich im Saal des Angelika Film Centers, eines Programmkinos im New Yorker Greenwich Village. Dabei ist der Film, der hier seine Publikumspremiere hat, wichtig, erschütternd und zutiefst empörend. Jeder Amerikaner, der wirklich wissen will, wer die Finanzkrise verschuldet hat (und zweifellos die nächste verschulden wird), sollte ihn sehen.

In "Inside Job", seiner brillant-beklemmenden Dokumentation über den globalen Crash, weist Charles Ferguson genau das Gegenteil nach: Diese Geschichte ist längst nicht zu Ende - und hat sogar bereits begonnen, sich zu wiederholen. Was soll's, sagt Scott Talbott, ein Top-Lobbyist der Bankenbranche, auf Nachfragen von Ferguson mit nonchalantem Schulterzucken: "Jeder macht mal Fehler."

Von wegen Fehler. "Diese Krise war kein Unfall", sagt Ferguson. Sondern ein weltweiter, wortwörtlicher Bankraub, der Billionenverluste verursachte und Abermillionen Menschen die Existenz kostete, von Chicago bis China - für den aber, wie "Inside Job" in kühler Wut erinnert, bis heute kein einziger Schuldiger strafrechtlich belangt wurde. Statt dessen ziehen die gleichen Leute wieder die Strippen, an der Wall Street wie in Washington, und kassieren neue Bonusprämien ab.

Man könnte meinen, es gäbe zu dem Thema nichts mehr zu sagen. Doch keiner fängt die Chuzpe der Täter so eiskalt ein, demaskiert die Verantwortlichen so höflich, leuchtet die moralischen Abgründe so grell aus wie Ferguson, ein Politologe mit Reportertalent. Anders als der Polemiker Michael Moore ("Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte"), der seine Thesen zurechtschneidet, oder Hollywood-Nörgler Oliver Stone ("Wall Street: Geld schläft nicht"), der sich in stilisierter Dramaturgie verliert, wahrt Ferguson den Blick fürs Wesentliche.

Seine 108-minütige Tour de Force durch das Labyrinth aus Deregulierung und Derivativen, Ratings und Ramschhypotheken, CDO und CDS führt einem die zynische Manipulation des Systems besser vor Augen als alle bisherigen Traktate. Eine ernüchternde Lehre, die gerade jetzt nötig scheint, da viele Amerikaner die wahren Hintergründe der Krise schon wieder verdrängt haben - und, so warnt Ferguson, fröhlich in den nächste Wahn schlittern.

In der Tat machen in Umfragen immer mehr US-Bürger ihren Präsidenten Barack Obama für die Rezession verantwortlich - obwohl der zu Beginn der Finanzkrise noch überhaupt nicht im Amt war. Den Republikanern dagegen, die viel Geld von der Wall Street erhalten und die an der fatalen Deregulierungspolitik festhalten, messen die Wähler in Finanzfragen neuerdings größere Kompetenz zu als den Demokraten. Bei den Kongresswahlen in drei Wochen könnten die Republikaner die Macht im Kongress zurückerobern.

Amerikas hat ein kurzes Gedächtnis. So lief Fergusons aufwendig produziertes, von Matt Damon erzähltes Lehrstück am Wochenende denn zunächst auch nur in zwei New Yorker Programmkinos an, denen schrittweise weitere, kleine Häuser folgen sollen. Gleichzeitig sind die Megaplexes von eskapistischer Massenware belegt, darunter einer auffallenden Anzahl von Horrorfilmen für das bevorstehende Halloweenfest.

Dabei ist "Inside Job" der ultimative Horrorfilm, voller gruseliger Schurken und tragischer Helden. Wie "Freitag der 13." beginnt auch diese Höllenfahrt in trügerischer Idylle - in diesem Fall in Island, dessen Finanzsystem Ende 2008 spektakulär kollabierte. Gier, Dummheit, Bankenzockerei: Die Ursachen klingen haarsträubend provinziell und so weit weg - bis der Zuschauer merkt, dass es die gleichen waren, die die USA ins Unheil rissen.

Die Schurken - Banker, Rating-Agenturchefs, Lobbyisten - sahnten ab und belohnten sich selbst mit Villen, Yachten, Privatjets, Strippern, Nutten und Koks, ohne je echte Konsequenzen fürchten zu müssen. Exzesse, die sich Ferguson anschaulich vom Wall-Street-Psychologen Jonathan Alpert und der VIP-Puffmutter Kristin Davis schildern lässt und mit dem Oldie "Takin' Care of Business" untermalt.

Politiker, Ökonomen und der langjährige Fed-Chef Alan Greenspan gaben dem abgekarteten Spiel Flankenschutz. Der Einzige, der die Halunken zur Rechenschaft zog, war der New Yorker Generalstaatsanwalt und kurzzeitige Gouverneur Eliot Spitzer. Als der selbst über einen Hurenskandal stürzte, knallten an der Wall Street - deren Sittenlosigkeit ungesühnt blieb - die Sektkorken, derweil Ms. Davis heute als Bannerträgerin der Anti-Prohibitionspartei für das Amt des Gouverneurs kandidiert.

Aus der Distanz sind die Mechanismen so vorhersehbar, dass es unfassbar ist, wie niemand etwas gemerkt haben will. Fast niemand: Ferguson lässt vor allem auch die wenigen Propheten zu Wort kommen, die das Chaos kommen sahen, doch verlacht wurden, Jahr für Jahr. 2005 warnte Raghuram Rajan, damals Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF), vor einem "globalen Meltdown". 2006 orakelte Wirtschaftsprofessor Nouriel Roubini: "Die Blase platzt." Und 2007 kritisierte der Finanzjournalist Allan Sloan die Tricks der Banken als "absolut wahnsinnig".

Doch selbst die "New York Times" tat Roubini als "Dr. Doom" ab, und Larry Summers, seinerzeit Präsident der Harvard University, verhöhnte Rajan als "Technikfeind". Kein Wunder: Als US-Finanzminister unter dem Demokraten Bill Clinton forcierte Summers die Deregulierung der Wall Street. Später wurde er durch lukrative Consulting-Jobs für selbige Branche, die er schützte, zum Multimillionär.

Summers Name taucht immer wieder auf in "Inside Job": Unter seiner Obhut hob die US-Regierung 1999 die Trennung zwischen Investment- und Geschäftsbanken auf, was deren Konsolidierung zu Molochen à la Citigroup erst ermöglichte. Er schaltete Brooksley Born aus, die als Chefin der Aufsichtsbehörde CFTC schon früh auf die Gefahr von Derivativen hinwies. Er steuerte den Commodity Futures Modernization Act, der 2000 jenen Finanzspekulationen freie Bahn gab, die acht Jahre später das ganze Kartenhaus zum Einsturz bringen würden.

Summers personifiziert, wie Ferguson aufzeigt, die Drehtür zwischen akademischer Welt, Wall Street und Politik, die auch nach der Krise weiter schnurrt. Obama, der im Wahlkampf noch eine "neue Kultur an der Wall Street" gefordert hatte, berief Summers 2009 zum Chef-Wirtschaftsberater - ausgerechnet diesen Mann, der einer der frühen Mitverursacher der Krise war. Ende des Jahres will Summers nun nach Harvard zurückkehren, um die nächste Generation von Wirtschaftsgurus auszubilden. Ferguson seufzt: "Nichts hat sich geändert."

Eine deprimierende Erkennntis. Die Lumpen kamen ungestraft davon, sackten sogar noch neunstellige "Abfindungen" ein. Allein Stan O'Neal, der als Vorstandsvorsitzender Merrill Lynch verheizte, kassierte 162 Millionen Dollar. Anschließend wechselte er ins Board des größten US-Aluminiumkonzerns Alcoa, dessen damaliger Vorstandschef die "strategische Vision" des Opportunisten lobte.

Andere sitzen ungestört auf ihrem Thron. Etwa Glenn Hubbard, der Wirtschaftsdekan der Columbia University, der George W. Bushs Steuergeschenke für die Millionärsklasse mitformulierte, nun die Obama-Regierung "berät" und sich von der Wall Street sponsern lässt. Ob das kein Interessenkonflikt sei, fragt Ferguson. Hubbard reagiert beleidigt ("Das bezweifle ich") und bricht das Interview ab.

Und so spekuliert sich eine konsolidierte Wall Street der nächsten Blase entgegen. Kein Krisenprotagonist wurde verurteilt, Obamas Finanzreform ist dank eines Lobbyistenheers auf Minimalmaß geschrumpft, Goldman Sachs kassiert mehr denn je, JP Morgan Chase ist die neue Citigroup.

Unterdessen hat die Armutsquote in den USA historische Rekorde erreicht. Die US-Wirtschaft verlor im September 95.000 Arbeitsplätze. Die Einkommensschere klafft so weit auseinander wie nie zuvor, Schul- und Fortbildung ist für immer mehr Amerikaner unerschwinglich.

"Eine Wall-Street-Regierung", urteilt Ferguson denn auch über Obamas Team. Interviewanfragen verweigerten sämtliche Berater des Präsidenten. Ebenso wie Notenbankchef Ben Bernanke. Der hat seit 2006 tatenlos mitangesehen, wie die Wirtschaft ungebremst in die Krise stürzte. Geschadet hat es ihm nicht: Seine Amtszeit ist gerade erst verlängert worden.

Quelle: Spiegel Online

Mittwoch, 16. Juni 2010

Vom Unsinn der Werbung

Die Post wirbt für Werbung in Briefkästen - trotz Werbestopp-Klebern. Die Begründung des gelben Riesen: Werbung sei ein wichtiger Ertragspfeiler. Hätte es noch eines Beweises bedurft, dass häufig für unsinnige Produkte und Dienstleistungen geworben wird, ist er hiermit erbracht.

Der Tages-Anzeiger berichtet von folgendem Beispiel: Markus Ammann* wunderte sich nicht schlecht. Letzte Woche lag ein Brief der Post in seinem Briefkasten, in dem sie für Direktwerbung wirbt. Beigefügt war ein Kleber für seinen Briefkasten mit der Aufschrift: «Werbung? Ok!». Dabei prangt an Ammanns Briefkasten klar und deutlich bereits die gegenteilige Botschaft: «Werbung nein danke!». Ammann ist empört.

Damit steht er nicht alleine da. In den letzten Tagen ging bei der Stiftung für Konsumentenschutz eine ganze Reihe von Beschwerden ein. «Viele Menschen ärgern sich über die ungebetene Post», sagt Geschäftsleiterin Sara Stalder. Die Werbe-Kleber gingen in der letzten Woche an 170'000 Haushalte mit Stopp-Klebern in den Kantonen Bern, Luzern und St. Gallen. Zusammen mit dem Kleber erhielten sie ein Gratismuster Nescafé Gold und ein Schreiben mit dem Versprechen, dank dem Kleber könnten die Empfänger künftig von unadressierter Werbung und von Warenproben profitieren. Gegen das Gesetz verstösst der «Briefkasten-Spam», wie Ammann es nennt, zwar nicht. Die Werbung ist adressiert. Die Anschriften hat die Post von Adresshändlern gekauft.

Die Aktion geht diese Woche in 180'000 Haushalten im Kanton Zürich und den beiden Basel weiter. Allerdings in abgeänderter Form: Hier werden keine Kleber verteilt. Das Motto lautet: «Sagen Sie Ja zu Werbung, die Sie wirklich interessiert!». In diesem Sinne sollen die Haushalte angeben, zu welchen Themen die Post ihnen künftig Warenproben und Werbung schicken darf. Beigelegt ist ebenfalls ein Gratismuster Nescafé Gold.

Konsumentenschützerin Stalder findet die Aktion daneben: «Es ist nicht Auftrag der Post, Leute umzustimmen und für Werbung empfänglich zu machen.» Insbesondere stört es sie, dass die Post die Konsumenten mit Gratismustern ködert: «Das ist billige Bestechung.» Auch das Konsumentenforum hat «wenig Verständnis».

Die Post versucht nicht zum ersten Mal, das Interesse der Konsumenten für ihre Direktwerbung anzuheizen. 2006 hat sie schon einmal einen Versuch in Basel und Zürich gemacht. Damals hat sie den Konsumenten zuerst angeboten, den alten Stopp-Kleber kostenlos und professionell vom Briefkasten zu entfernen. Danach schwenkte sie auf einen Pro-Werbe-Kleber um, wie er jetzt etwa in Bern verschickt wurde. Die Aktion erzielte jedoch kaum Wirkung. In Zürich stiegen lediglich 3 Prozent der Angeschriebenen auf das Angebot ein – obwohl die Post den Wechselwilligen sogar eine Prämie versprach.

Der Kampf der Post gegen die Stopp-Kleber ist auf eine Schweizer Eigenart zurückzuführen. Hierzulande prangt gemäss Zahlen von Publimedia an knapp 45 Prozent der Briefkästen ein solches Verbot – das sind gut 1,7 Millionen Haushalte. Im Kanton Zürich will mit 60 Prozent die Mehrheit der Bevölkerung keine unadressierte Werbung, in der Stadt Zürich sind es sogar 70 Prozent.

«In Deutschland und Österreich liegt der Anteil bei lediglich 10 Prozent», sagt Postsprecherin Nathalie Salamin. Sie verteidigt die Werbeaktion: «Wir wollen die Leute nicht bedrängen. Wenn jemand keine Werbung will, ist das in Ordnung.» Direktwerbung ist laut Salamin für die Post ein wichtiger Einkommenszweig, der viele Arbeitsplätze sichert. Die Post ist eine bedeutende Akteurin bei der Verteilung von Direktwerbung. Sie stellt zwei Drittel der adressierten und die Hälfte der nicht adressierten Werbesendungen in der Schweiz zu. Obwohl Experten davon ausgehen, dass das Internet die Direktwerbung im Briefkasten zunehmend verdrängen wird, sind die Umsätze aus der Zustellung in den letzten Jahren nur leicht gesunken auf 1,25 Milliarden Franken 2009.

Quelle: Tages-Anzeiger 16. Juni 2010